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Protestantischer Zeitgeist
Der Berliner Hofprediger Adolf
Stoecker (1835-1909) war gleichzeitig Abgeordneter
im Preußischen Abgeordnetenhaus und im Deutschen
Reichstag. Als Begründer der Christlich-Sozialen
Arbeiterpartei (1873) und später bei den Deutschkonservativen
vertrat er einen kirchlichen Standpunkt, der den sozialen
Gedanken in den Vordergrund rückte. Gleichzeitig
propagierte er einen radikalen Antisemitismus. Seine
Reden und Schriften unter anderem als Herausgeber
der Neuen Evangelischen Kirchenzeitung machten
den modernen Antisemitismus in Deutschland gesellschaftsfähig
und zeitweise zur Massenbewegung. Das kaisertreu-nationalistisch
geprägte evangelische Milieu dachte durch Stoecker
in der Regel antisemitisch.
Träger der Zersetzung ist
das stammfremde Judenvolk, das in unserem wirtschaftlichen,
politischen und gesellschaftlichen Leben, in der Rechtspflege
und in der Presse unserem Volkstum seinen zersetzenden
Geist aufgedrängt und damit den Anlaß zu
der antisemitischen Strömung gegeben hat.
Flugblatt einer antisemitischen
Partei um 1900. Fundort: Kirchengemeindearchiv Rabenkirchen/Angeln.
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Theologische
Wissenschaft
Synodenbeschluss
Pastor
und Gauredner
Glockengeläut
und Dankgottesdienste
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Theologische Wissenschaft
Hans von Schubert (1859-1931)
war angesehener Kirchenhistoriker und lehrte 1892-1906
an der Kieler Universität und danach in Heidelberg.
Seine Thesen von den geschichtsbildenden Kräften
des Germanentums und der Germanisierung des Christentums
ergänzten sich mit seinem Antisemitismus. Aus
seinen Vorlesungen in Kiel gingen die Grundzüge
der Kirchengeschichte hervor, die 1904 erstmals
erschienen und bis 1950 elf Auflagen und Übersetzungen
ins Englische und Niederländische erlebten. So
lernten Generationen von Theologiestudenten in Kirchengeschichte
zum Beispiel das folgende:
Noch heute zeigt der Rassejude
einen merkwürdigen Kontrast: er ist gewandt,
geschmeidig, zudringlich, kriechend unter Umständen,
der geborene Handelsmann, und er bleibt doch immer
der Jude, in dessen Augen wir die verachteten Gojim,
die Heiden, sind.
(S. 13 der 5. Auflage von 1913)
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Theologische Wissenschaft
Synodenbeschluss
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Synodenbeschluss
1924 griff der Völkisch-Soziale Block, den der
Hauptpastor Friedrich Andersen
im Flensburger Rat vertrat, die schleswig-holsteinische
Landeskirche an, da sie Kollekten zugunsten der Judenmission
durchführte. Die Angriffe führten zu einer
ausführlichen Behandlung des Verhältnisses
zum Judentum in der ersten Landessynode 1924/25. Vorlagen,
die die Angriffe der Völkischen einfach
zurückwiesen, wurden nach eingehender Diskussion
umgeändert. Die Landessynode verteidigte schließlich
in einer Erklärung zwar einstimmig das Alte Testament
und auch die Judenmission, betonte aber ausdrücklich:
Die Landessynode erkennt die
Berechtigung und den Wert aller Bestrebungen an, die
darauf hinzielen, das eigene Volkstum zu stärken
und vor zersetzendem jüdischem Einfluß
zu bewahren.
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Synodenbeschluss
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Pastor und Gauredner
Als Pastor Johann Peperkorn
aus Viöl 1928 der NSDAP beitrat, war er nicht
das erste Parteimitglied unter der Pastorenschaft
der Landeskirche. Als nationalsozialistischer Gauredner
und späterer Abgeordneter hatte seine Tätigkeit
größere Bedeutung. Peperkorns Wahlkampfpredigten
führten zu zahlreichen Strafanzeigen und Beleidigungsklagen
gegen ihn. Die Kirchenbehörden erteilten ihm
nur wegen einer Wahlkampfrede in Husum einen Verweis.
Dort sagte Peperkorn u.a.:
Es gibt ein Wort, das in ruhigen
Zeiten Geltung hat. Das Wort heißt: Auge um
Auge, Zahn um Zahn. Es kann aber im Sinne einer höheren
Gerechtigkeit liegen, daß dem hemmungslosen
Lumpen, der einem wertvollen deutschen Volksgenossen
den Zahn zerschlägt, dafür der Schädel
zertrümmert wird.
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Pastor und Gauredner
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Glockengeläut und Dankgottesdienste
Als die NSDAP 1933 die Herrschaft
übernahm, waren bereits große Teile
der Pastorenschaft Hamburgs, Lübecks und Schleswig-Holsteins
in der Partei. Weit über die NSDAP hinaus herrschte
Einigkeit in der Auffassung, dass alles Gute in Deutschland
durch den reinrassigen Bevölkerungsteil
entstanden sei, wohingegen alles Schlechte dem Judentum
zuzuschreiben sei. In diesem Sinn hatten die
Juden die Kriegsniederlage im Ersten Weltkrieg
und den folgenden wirtschaftlichen Niedergang zu verantworten.
Von kirchlicher Seite aus machte man vorrangig die
Demokratie verantwortlich für den sittlichen
Verfall und die zahlreichen Kirchenaustritte
der letzten Jahre. Das Ende der kirchenfeindlichen
Republik wurde voller Hoffnung begrüßt:
Die nationale Revolution blieb
auch auf die Kirche und das kirchliche Leben nicht
ohne Einwirkung. Am Abend des 30. Januar 1933 läuteten
die Glocken. Dankgottesdienste wurden veranstaltet.
Aus dem Protokollbuch der evangelischen
Kirchengemeinde Kaltenkirchen.
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Evangelische Bekenntnisse und Glaubensbewegungen
in der NS-Zeit / Kirchenkampf
Die evangelische Kirche geriet schon bald nach Beginn
der nationalsozialistischen Herrschaft in eine Zerreißprobe.
Sowohl die Auffassungen über die Nähe der
Kirche zum NS-Staat als auch über das christliche
Selbstverständnis insgesamt gingen weit auseinander.
Die Auseinandersetzungen eskalierten im Kirchenkampf,
an dem sich die Nationalsozialisten zugunsten ihrer
innerkirchlichen Anhängerschaft beteiligten.
Es gab also in der NS-Zeit nicht die Kirche,
sondern verschiedene Richtungen innerhalb der Kirche.
Das Verhältnis zum Judentum spielte im Kirchenkampf
zwar eine eher untergeordnete Rolle, die Unterschiede
im Religionsverständnis traten aber gerade in
dieser Frage deutlich zutage. Immerhin verstanden
sich einige Menschen sogar nur deshalb als Christen,
weil sie das Christentum als Ursprung des Antisemitismus
sahen.
Diese Unterschiede zeigt der folgende grob
vereinfachte Überblick über die verschiedenen
Richtungen inner- und außerhalb der Kirche,
die in den Auseinandersetzungen des Kirchenkampfes
eine Rolle spielten.
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Bekennende Kirche
Die Bekennende Kirche, BK,
ging hervor aus dem Pfarrernotbund
(Notbund), der 1933 von den Pastoren Martin
Niemöller (1892-1984) und Dietrich Bonhoeffer
(1906-1945) gegründet worden war. Nach ihrer
Gründung gewann die BK schnell an Bedeutung und
wurde der wichtigste Gegenpart aller anderen hier
aufgeführten Gruppierungen.
Die BK wandte sich gegen die Vereinnahmung der Kirche
durch den nationalsozialistischen Staat, da diese
das Bekenntnis verletze.
Die Mehrheit der BK lehnte den Nationalsozialismus
nicht ab, sondern kämpfte lediglich für
die Eigenständigkeit der Kirche.
Grundlage des Bekenntnisses war die Bibel, zu der
unverzichtbar das Alte Testament
gehörte.
Die Mehrheit der BK lehnte die Übernahme des
Arier-Paragraphen für die Kirche
ab. Der von der neuen Regierung erlassene Arier-Paragraph
sah die Entlassung von Beamten aufgrund jüdischer
Herkunft vor.
Entlassungen von Christen aufgrund ihrer jüdischen
Herkunft wie sie der Arier-Paragraph
vorsah wurden von der Mehrheit der BK nur für
die Kirche abgelehnt.
Nach Ansicht der BK gehörten Judenchristen
zur kirchlichen Gemeinschaft.
Den Übertritt von Juden
zum Christentum begrüßte man grundsätzlich.
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Deutsche Christen
Die Gründung der
Glaubensbewegung der Deutschen
Christen, DC, wurde 1932 durch die nationalsozialistische
Partei veranlasst. Die Deutschen
Christen sollten die Ziele der Partei innerhalb
der evangelischen Kirche durchsetzen. Die DC vertraten
eine von Gott befohlene völkische Sendung.
Unterstützt von der NSDAP entwickelten sich
die DC in wenigen Monaten zur führenden Kraft
des deutschen Protestantismus.
Im kirchenpolitischen Raum traten sie für die
Schaffung einer evangelischen Reichskirche und das
Führerprinzip ein. Auf der Nationalsynode in
Wittenberg im September 1933 wurde mit Ludwig Müller
ein Deutscher Christ
zum Reichsbischof gewählt. Die Auflösung
der DC wurde bereits Ende 1933 eingeleitet, da der
Gegensatz zwischen radikalen und gemäßigten
DC unüberbrückbar wurde.
Die DC betrachteten das Alte
Testament zwar unter antisemitischen Gesichtspunkten,
hielten aber mehrheitlich an ihm als Bestandteil der
Bibel fest.
Der Arierparagraph
wurde befürwortet, da man die Trennung von den
Judenchristen und deren Abdrängung in eigenständige
Gemeinden forderte.
Die Judenmission wurde
als schwere Gefahr für unser Volkstum
abgelehnt. Insbesondere sei die Eheschließung
zwischen Deutschen und Juden zu verbieten.
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Deutsche Glaubensbewegung
Bei den Deutschgläubigen
handelt es sich um eine Vielzahl von verschiedenen
Gruppen und Organisationen, die außerhalb
der Kirche standen und das Christentum als jüdische
Fremdreligion bekämpften. Gemeinsam war
ihnen ein völkischer Rassismus und eine völkisch-mystische
Überhöhung des Germanen- und Deutschtums.
Im Juli 1933 schlossen sich verschiedene deutschgläubige
Organisationen in Eisenach zur Arbeitsgemeinschaft
der Deutschen Glaubensbewegung zusammen, die
eine Anerkennung als dritte
Konfession forderte. Zum ersten Vorsitzenden
wurde der Tübinger Religionswissenschaftler und
Indologe Prof. Jacob Wilhelm Hauer gewählt. Ab
1935 verschärften die Deutschgläubigen
ihre Agitation gegen die Kirche und das Christentum
überhaupt. Interne Querelen und Auseinandersetzungen
mit dem NS-Regime führten zur Zersplitterung
der Deutschgläubigen.
Die Arbeitsgemeinschaft benannte sich 1938 in Kampfring
Deutscher Glaube um.
Eine Sonderstellung nimmt der radikal völkische
und antisemitische Tannenbergbund
um den Generalquartiermeister des kaiserlichen Heeres,
Erich Ludendorff, und
dessen Frau Mathilde ein. Der 1925 gegründete
Bund und das Deutschvolk
wurden aufgrund scharfer Kritik an der nationalsozialistischen
Politik, insbesondere den Ausgleichsbemühungen
mit dem Katholizismus, im September 1933 verboten.
Die polemischen Schriften Mathilde Ludendorffs
sind stark antikirchlich und antichristlich ausgerichtet
und beinhalten einen aggressiven völkischen Antisemitismus.
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Die Deutschkirche
Der Bund für deutsche
Kirche, Deutschkirche, wurde bereits 1921 gegründet.
Zu ihren wichtigsten Vordenkern zählte der Flensburger
Hauptpastor Friedrich Andersen.
Nach deutschkirchlicher
Auffassung war das Christentum eine arische
Religion, entstanden im Kampf gegen das Judentum.
Die Wirkung der Deutschkirche
war gemessen an ihrer geringen Anhängerschaft
groß, da die Deutschkirchler
keine Trennung von der Kirche anstrebten, sondern
innerhalb der Kirche für ihre völkische
Reformierung eintraten. In einer solchen völkischen
Veränderung der Kirche sah man die Vollendung
des völkischen Staates.
Zu den Kernforderungen gehörten die Abschaffung
des jüdischen Alten Testamentes,
das Ausscheiden aller jüdischen Elemente aus
dem Christentum, die Wiederherstellung
des deutschen Heilandbildes und die Aufnahme der deutschen
Märchen und Sagen als deutsche Form der Offenbarung.
Entsprechend forderte die Deutschkirche
selbstverständlich den Arier-Paragraphen
und die Entfernung von Judenchristen
aus der Deutschen Kirche und bekämpfte
die Judenmission als
anti-christlich.
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Nationalkirche
Die Nationalkirchliche Bewegung,
Nationalkirche, entstand durch den Zerfall
der Glaubensbewegung der Deutschen
Christen. Sie wurde auch als Thüringer
DC bezeichnet und hieß ab 1938 Nationalkirchliche
Einung. Von dieser Richtung ging 1939 die Gründung
des Eisenacher Institutes zur Erforschung und
Bekämpfung des jüdischen Einflusses auf
das deutsche kirchliche Leben aus. Nach Ansicht
der Nationalkirchler
galt es, die Reformation Luthers durch die vollständige
Beseitigung aller Judaismen in der Bibel
zu vollenden.
Eine Hochburg dieser Richtung war die Landeskirche
Lübeck.
Die Nationalkirche
vertrat ein völkisches Christentum und befürwortete
die Judenpolitik der Nationalsozialisten.
Das Alte Testament wurde
als jüdisch abgelehnt, und man forderte
die Befreiung der Bibel von allen Judaismen.
Der Arierparagraph
wurde für alle Bereiche der Gesellschaft gefordert.
Das Judenchristentum
wurde abgelehnt, da Juden nicht ein artgemäßes
Deutsches Christentum leben könnten.
Entsprechend bekämpfte man die Judenmission
und lehnte Judentaufen
ab.
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Schaubild des Kircheninnenraums
Eingangsbereich der Kirche mit Flagge
und begehbarem Außenlogo
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