Bernhard Bothmann
1884 geboren in Wandsbek
1904? Abitur am Matthias-Claudius-Gymnasium Wandsbek
bis 1911 Studium in Rostock, Erlangen und Leipzig
1913 2. Theologische Prüfung in Hamburg
1913 Heirat mit Emmy Cohn
1914 ordiniert, Pastor von Westerhever
1915 Geburt Tochter Ingeborg
1917 Pastor St. Michaelis, Kiel-Hassee
1918 Geburt Tochter Ruth
1920 Geburt Sohn Heinz
1925 Pastor an der Kreuzkirche, Wandsbek
1933 vergebliche Bewerbung nach Siek, Stormarn
1939 Versetzung in den Ruhestand
1939/40 Vertretungen in Hamburger Kirchengemeinden und im Friedhofsdienst
1941/42 Vertretung in Hamburg-Winterhude
1941 25.10., Deportation von Dr. Else und Dr. Max Rosenbaum und Manfred und Marianne Rendsburg geb. Rosenbaum nach Lodz.
1941 6.12., Deportation von Margarethe Cohn nach Riga.
1942 6.7., Deportation von Gertrud geb. Rosenbaum und Josef Sachs.
1943 Ausbombung der Familie Bothmann
bis 1945 Notquartier der Bothmanns in Hollenstedt, Niedersachsen
1945 März, Verhaftung Emmy Bothmanns
1945 April, Freilassung Emmy Bothmanns
1945 Wiedereinstellung in der Wandsbeker Gemeinde
1952 Bernhard Bothmann stirbt nach langer Krankheit in Wandsbek
|
|
Bernhard Bothmann
Pastor Bernhard Bothmann heiratete 1913 nach bestandener Prüfung seine Jugendliebe Emmy. Damals spielte es keine Rolle, dass sie eine getaufte Jüdin war. Zwanzig Jahre später bestimmte es das Leben der Familie.
1935 wurde das Ehepaar durch die Nürnberger Gesetze als »Mischehe« und die Kinder als »Halbjuden« entrechtet und diskriminiert, obwohl die Familie Unterstützung aus ihrer Wandsbeker Kirchengemeinde bekam. Bothmanns Vorgesetzter, der Stormarner Propst Gustav Dührkop, forderte ihn schließlich auf, sich von seiner Ehefrau scheiden zu lassen. Als Bothmann sich weigerte, sorgte Dührkop für dessen Entlassung.
Dank der Unterstützung seines alten Schulfreundes, des Hamburger Landesbischofs Franz Tügel, bekam Bothmann Anstellungen in der Hamburger Landeskirche. Denunziationen Propst Dührkops verhinderten aber eine feste Anstellung und führten schließlich auch hier zum Berufsverbot für Bothmann.
Aufgrund der Nürnberger Gesetze durften die Kinder nicht die von ihnen gewünschten Ausbildungen wählen. Der ältesten Tochter wurde die Heirat mit ihrem »arischen« Verlobten verboten. Als sie dennoch mit ihm zusammen Kinder bekam, verbot ihm die Gestapo den Umgang mit ihr und seinen Kindern.
Die Verwandten Emmy Bothmanns, ihre Schwester Grete und die
Familie Rosenbaum, wurden 1941 und 1942 deportiert. Einzig
Emmy Bothmanns Mutter Ida Cohn starb 1942 eines natürlichen
Todes in Hamburg. Bei ihrer Beerdigung wurde der Familie die
Benutzung der Friedhofskapelle verboten.
|

Familie Bothmann Anfang der 20er Jahre
vor dem Pastorat in Kiel
|
Zitate
»Bis dahin hatte ich von Juden noch nie
etwas gehört. Erst als man mehr von Hitler und der SA
redete und es hieß, die Juden wären an der Misere
in Deutschland schuld, fragte ich mich, wer wohl damit gemeint
sei. Wir glaubten damals, für uns und unsere Verwandten
gelte das nicht.«
Ingeborg Lohmann, geb. Bothmann, um 1980
an ihre Kinder
»Zum Abitur wurden wir Halbjuden
nicht zugelassen. Schon in der Schule fingen die Verfolgungen
an. Von meinem damaligen Rektor wurde ich bei einer Gelegenheit
als altes Judenweib beschimpft. (
) Ja, so unter dem
Schatten dieser neuen politischen Entwicklung wuchs ich nun
heran und lernte meinen ersten Freund kennen. Es war eine
sehr schöne Zeit, aber Ausgehen, Tanzen und Theater haben
wir aufgrund meiner Abstammung nicht gekannt.
Mit einem Arier befreundet zu sein war gleich
Rassenschande. Die Mitschülerinnen (
) durften nicht
mehr mit mir verkehren, sonst hätten die Väter die
Posten verloren. Ich wurde immer einsamer. Da war das wunderschöne
Zuhause, unsere schönen Abendandachten und die Geschwister,
immer eine ruhige ausgleichende Insel. Einmal bin ich doch
mit dem Bekannten ausgegangen in Wandsbek.
Im Café Lorenz haben wir getanzt, wurden
dann von der Tanzfläche geholt, mußten auf der
Straße durch ein Spalier von spuckenden SS-Leuten ins
Polizeiauto. Der Bekannte durfte mit der Verwarnung, mich
nicht wieder zu sehen, nach Hause, und ich habe dann in einem
kleinen Gefängnis die Nacht zugebracht. Das war der erste
tiefe Kummer.«
Ruth Kupfer, geb. Bothmann, Erinnerungen
um 1990
»Es sei für die Kirche nicht mehr
tragbar, daß ein evangelischer Pastor wie Pastor Bothmann,
der mit einer Vollblutjüdin verheiratet sei, noch immer
amtiere und auf einer öffentlichen Kanzel zu deutschen
Volksgenossen spräche. P. Bothmann muß das selbstverständliche
Opfer der Aufgabe seines Amtes bringen.«
Propst Dührkop an das schleswig-holsteinische
Landeskirchenamt 1939
»Tante Grete hatte einmal gesagt, wenn
die mich holen, springe ich aus dem Fenster. Aber
sie ist nicht gesprungen. Sie ist in Hamburg auf der Moorweide
in einen Transport gekommen. Das letzte Lebenszeichen von
ihr war eine Postkarte, die sie aus dem fahrenden Güterzug
in Wandsbek aus dem Fenster geworfen hat. Als uns damals die
Karte gebracht worden ist, habe ich meinen Vater, der immer
Trost wußte und voller Gottvertrauen war, bitterlich
weinen sehen.«
Ruth Kupfer, geb. Bothmann, Erinnerungen
um 1990
|
|