Elisabeth Flügge
1895 geboren in Hamburg
1916 Lehramtsprüfung an der Klosterschule
1916 1919 Lehrerin an der Privatvorschule für Knaben Sierichstraße
1919 Heirat, zwei Kinder
1926 1938 Lehrerin an der privaten Wirth-Schule Mittelweg
1927 Scheidung
1930 Zweite Lehramtsprüfung für das höhere Lehramt
1938 1942 Lehrerin an der öffentlichen Mädchen-Volksschule Große Freiheit 63
1940 Verbeamtung auf Lebenszeit
1942 1944 wegen
Ablehnung der Arbeit in der Kinderlandverschickung Sachbearbeiterin
im Haupternährungsamt
1944 1946 Lehrerin an der Volksschule Hamburg-Sasel
1944 Verfahren gegen den Sohn wegen Befehlsverweigerung
1945 Januar, Tod des Sohnes bei den Kämpfen in Kurland
1946 1947 Schulleiterin der Volksschule Bäckerbreitergang
19471958 Schulleiterin der Volksschule Erikastraße
1958 Pensionierung
1976 Ehrung als »Gerechte unter den Völkern« in Yad Vashem, Israel
1981 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes
1983 gestorben in Hamburg
.
Rita Bake (Bearb.)
Zeitungsartikel und Notizen aus den Jahren 1933 und 1934: gesammelt und aufgeschrieben von Elisabeth Flügge
Das Buch ist eine Eigenpublikation der Landeszentrale für politische Bildung und ist dort als PDF-Datei abrufbar!
|
|
Elisabeth Flügge
Elisabeth Flügge, Hamburger Lehrerin, war evangelische Christin, die der Bekennenden Kirche nahestand. Kirchlich war sie nicht aktiv, besuchte aber regelmäßig den Gottesdienst. Nach der Absetzung Simon Schöffels als Landesbischof 1934 ging sie demonstrativ von Hamburg-Eppendorf zu seinen Gottesdiensten nach St. Michaelis.
Elisabeth Flügge lehnte den Nationalsozialismus von Anfang an ab. Sehr genau notierte sie in ihren Tagebüchern das Alltagsgeschehen in den ersten Jahren der NS-Herrschaft. Dazu klebte sie Artikel deutscher Zeitungen ein, in denen über Festnahmen von Juden oder Eröffnungen von Konzentrationslagern berichtet wurde.
Aufgrund der Diskriminierung auf staatlichen Schulen kamen nach 1933 mehr und mehr jüdische Schülerinnen auf die Privatschule in Hamburg-Harvestehude, an der Elisabeth Flügge unterrichtete. Sie solidarisierte sich mit ihnen und suchte auch mit den Eltern den privaten Kontakt, lud die Kinder in den Ferien in ihr Sommerhaus in der Lüneburger Heide ein und half später bedrohten Familien bei der Auswanderung.
Ohne die offene Konfrontation mit den Nationalsozialisten einzugehen, ergriff Elisabeth Flügge Partei für die Verfolgten.
1942 verweigerte sie inzwischen verbeamtete Lehrerin an einer staatlichen Schule die Teilnahme an der Kinderlandverschickung. Daraufhin wurde sie strafversetzt. Als 1942 eine befreundete jüdisch-christliche Familie, die als »priviligierte Mischehe« vor der Deportation geschützt war, ausgebombt wurde, nahm Elisabeth Flügge das Ehepaar und den erwachsenen Sohn bei sich auf.
1944 verweigerte ihr Sohn vor der Ernennung zum Offizier alle Befehle und riskierte damit ein Todesurteil gegen sich. Sie bat ihn mit Erfolg, Soldat zu bleiben und zu gehorchen, so dass man sein Kriegsgerichtsverfahren einstellte. Er wurde an die »Kurland-Front« versetzt und starb dort.
1976 wurde sie in Israel für ihre Solidarität mit Juden als »Gerechte unter den Völkern« geehrt. Später bekam sie auch in Hamburg offizielle Ehrungen.
|

Elisabeth Flügge mit einer Klasse der Ria-Wirth-Schule,
Mittelweg. Unbekanntes Datum.
|
|
Zitate
»Es ist mir wichtig, zu sagen, daß
meine Mutter in keiner Weise Widerstandskämpferin war.
Ich würde sogar sagen, daß sie, obwohl politisch
interessiert, kein politischer Mensch war, aber sie hatte
eben Zivilcourage. Es passiert leicht, daß Menschen
in der Geschichtsschreibung zu Helden gemacht werden. Das
möchte ich nicht in Bezug auf meine Mutter, das würde
ihr auch in keiner Weise gerecht werden.«
Die Tochter Maria Holst 1988
»Mutter fühlte sich ohne Frage als
evangelische Christin, aber sie war entsetzt über das
Gebaren der Deutschen Christen. Sie hielt sich
alle Zeitungen der Bekennenden Kirche, obwohl sie praktisch
nie aktiv war.«
Die Tochter Maria Holst 1988
»Aber da war eine andere Lehrerin, Frau
Elisabeth Flügge. Seit 1926 unterrichtete sie in unserer
Schule (
). Ihr nun war jeglicher Opportunismus fremd.
Mit einem Mut, den wohl nur ihre Zeitgenossen zu beurteilen
vermögen, sorgte sie sich nicht allein um die irritierten
und verängstigten Schülerinnen, sondern auch um
die so gefährdeten Eltern.«
Ingeborg Hecht, Christin jüdischer
Herkunft und Schülerin Elisabeth Flügges
»Als es niemand mehr wagte, hat Frau
Flügge unbeirrt inmitten des Nazi-Terrors jüdischen
Hamburgern geholfen. Wieviele es waren, weiß sie nicht,
aber 15 von ihnen leben noch und mit ihnen hat sie Kontakt.
(
) Über einen jüdischen Anwalt, der mithelfen
mußte, die Ausweisungslisten zusammenzustellen, hörte
Frau Flügge, daß die Mutter einer ihrer Schülerinnen
abtransportiert werden sollte. Da bin ich zur Gestapo
gegangen, mit zitternden Knien. Der Gestapo-Mann sagte:
Sie haben einen Beamten vor sich! Frau Flügge
antwortete unerschrocken: Sie auch! und erlebte
ein Wunder: einen Mann, der sich bemüht hatte, anständig
seine Pflicht als Beamter zu erfüllen und nun verzweifelt
ausrief: Und jetzt muß ich für diesen Teufel
die Todeslisten aufstellen! Die Mutter der Schülerin
wurde zurückgestellt, aber nur bis auch der Gestapo-Mann
mit Gewissen verschwunden war.«
Hamburger Abendblatt vom 6.11.1976 über
die Ehrung Elisabeth Flügges als Gerechte unter den Völkern
|
|