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Leserbriefdiskussion

Sie finden hier exemplarisch einige Beiträge der Leserbriefdiskussion zur Ausstellung. Aufgrund der Vielzahl der Beiträge ist es leider nicht möglich alle Beiträge an dieser Stelle darzustellen. Wenn Sie an einer vollständigen Zusammenstellung der Leserbriefe interessiert sind, möchten wir Sie bitten, sich direkt an das Nordelbische Kirchenarchiv zu wenden.
 

 
 

Ostholsteiner Anzeiger vom 07.02.03
Leserbrief

„Verstorbene beleidigt“

Ein weiterer Beitrag zur Diskussion um Eutin, Kieckbusch und die Juden:Die Ausstellung „Kirche, Christen und Juden“ in der Eutiner Stadtkirche dokumentiert schlimmes Fehlverhalten und gefährliche, ja unchristliche Intoleranz von Kirchenvertretern. Darüber ist nicht zu diskutieren.

Es ist vielmehr das sog. „Lokale Fenster“, das als „selektive Wahrnehmung“ mit der Stoßrichtung gegen Propst Kieckbusch Irritationen und Unfrieden in unsere Kirchengemeinde und darüber hinaus gebracht hat. Die etwas diffusen Ausführungen des Pastors Tamchina (OHA v. 3.Februar), von dem mir auch aus kirchlichen Kreisen bekannt war, dass er seit Jahren Material gegen Propst Kieckbusch suchte und sammelte, klingen nach meinem Empfinden wie die eines gnadenlosen Racheengels und wie pharisäerhafte Selbstgerechtigkeit. Wo doch Vergebung statt Vergeltung der Grundsatz unseres christlichen Glaubens ist.

Im Anschluss an den Vortrag von Hansjörg Buss am 15.Januar hat Pastor Tamchina auf die Frage von Dr. Plate, Süsel, ob es kein christliches Verzeihen gäbe, geantwortet: „Bei Verbrechern gibt es kein Verzeihen!“ Eine ganz böse, die Einstellung dieses Pastors dekuvrierende Äußerung! Denn damit hat er eindeutig Kieckbusch, Rönck und Hossenfelder, von denen ausschließlich die Rede war, des Verbrechertums bezichtigt.

Hat nicht Christus sogar noch am Kreuze dem Mörder vergeben (Lukas 23 V. 43)? Oder wie heißt es bei Lukas 18 V. 9: „Er sagte aber zu etlichen, die sich nicht vermaßen, dass sie fromm wären und verachteten die anderen, ein Gleichnis“, nämlich das von dem reuigen Zöllner (= Sünder ), dem vergeben wird. „Denn wer sich selbst erhöhet, der wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden“ (V. 14). Oder die Geschichte von der Sünderin, der vergeben wurde: ...gehe hin und sündige fortan nicht mehr!“ (Johannes 8 V. 11)
Ob Rönck und Hossenfelder ein Reuebekenntnis abgelegt haben, weiß ich nicht. Auch nicht, ob Propst Kieckbusch ein solches von ihnen verlangt hat, bevor sie die Chance eines Neubeginns erhielten. (Übrigens: Nicht der Propst setzt Kraft seines Amtes einen Pastor ein, sondern die Kirchengemeinde wählt ihn.)

Justiz und Politik zeigen heute mehr Verzeihen für vergangene Taten als mancher Kirchenvertreter. Männer, die einst unseren demokratischen Staat bekämpft und sogar als „streetfighter“ staatliche Ordnungshüter zusammengeschlagen haben wie Josef Fischer: ihnen wurde verziehen und sie bekleiden höchste Staatsämter.
Nicht so in der Kirche! Pastor Tamchina beleidigt seine verstorbenen Amtsbrüder, die sich nicht mehr wehren können, indem er sie öffentlich des Verbrechertums bezichtigt. Damit ist meiner Meinung nach der Straftatsbestand nach § 189 StGB (Strafgesetzbuch) „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ gegeben (bis zu 5 Jahren Haft oder Geldstrafe). Es bleibt den noch lebenden Angehörigen überlassen, Strafanzeige zu stellen.

Von Pastor Rönck ist mir nicht bekannt, dass er sich nach 1945 irgendwie im Sinne der sog. „Deutschen Christen“ geäußert oder gehandelt habe. Mir ist im Gegenteil in den letzten Tagen von seiner Tätigkeit als Jugendpfarrer viel Gutes berichtigt worden. Und von Hossenfelder wusste Hansjörg Buss zu berichten, dass er als Pastor in Ratekau keine Anfeindungen erfahren habe, obwohl sein politisches „Vorleben“ bekannt war, und er „beliebt und angesehen gewesen“ sei.

Warum billigt man diesen und anderen Menschen nicht die ehrliche Einsicht in ihren „politischen Irrtum“ zu? Warum nicht die von Herrn Pause (OHA 29.2.03) beschworene Katharsis (lt. Duden griech. Innere Einsicht als Wirkung eines Trauerspiels)? Und mehr als ein Trauerspiel war die „Deutsche Katastrophe“ (Friedrich Meinecke) wahrlich.

Ich möchte mich noch an einige Leserbriefschreiber wenden, die meinen, mit „political correctness“ historische Wahrheiten zu verkünden. Herr Schmist-Schmölcke, Seedorf, mahnt „historisches Bewusstsein“ an, besitzt es aber selber nicht, wenn er Geschichte ex post, also von rückwärts, beurteilt. Das historische Bewusstsein besteht gerade darin, zu erklären, warum etwas so und nicht anders gewesen und geworden ist. Nach Leopold von Ranke muss jede Epoche aus sich heraus erklärt werden. Erst wenn man die Ursachen aufgezeigt hat, darf man über die Folgen urteilen.

Ernst-Günther Prühs – Eutin –

 
 
 
 
 

Ostholsteiner Anzeiger vom 11.02.2003
Leserbriefe

 

Selbstgerechte Art und Weise

Zum Beitrag von Ernst-Günther Prühs (OHA v. 7.Februar)
Sehr geehrter Herr Prühs, da sie ihre Meinung öffentlich gemacht haben, gestatten Sie mir auch eine öffentliche Reaktion. Als katholischer Mitbruder möchte ich Ihre Vorwürfe gegen meinen sehr geschätzten evangelischen Amtsbruder, Pastor Lutz Tamchina, im OHA vom 7.Februar, in aller Kürze kommentieren.

Bedauerlicherweise verwechseln Sie Person und Handlung, wofür es bereits in der Schule eine schlechte Benotung gibt. Herr Pastor Tamchina hat in etlichen Äußerungen und Leserbriefen immer wieder betont, dass es sittlich geboten ist, die Handlungen und die Unterlassungen hochrangiger Persönlichkeiten währen des sogenannten Dritten Reiches kritisch aufzuarbeiten. Dafür gebührt ihm und allen, die für die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ Verantwortung tragen, Anerkennung und Lob. Auch Papst Johannes Paul II. hat vor zwei Jahren die Sünden der katholischen Kirche in Geschichte und Gegenwart klar benannt und um Vergebung gebeten. Und genau hier liegt der entscheidende Schwerpunkt: Wir dürfen und sollen Taten beurteilen, Täter aber nicht verurteilen. Christlich gesprochen: Gotte achtet den Sünder, ächtet aber (mit ihm zusammen) die Sünde. Pastor Tamchina hat mit keinem Wort Propst Kieckbusch beleidigt, verunglimpft oder des Verbrechertums bezichtigt, wie Sie in geradezu peinlicher, selbstgerechter Art und Weise in Ihrem Leserbrief unterstellen.

Er hat nur das vorangetrieben, was ich mir insgesamt beim Umgang mit der Vergangenheit wünsche: Klar und deutlich benennen, wo mutiges Bekennertum bzw. blinder Anpassungs-Gehorsam vorliegt – so schwierig auch eine saubere Kritik in die Vergangenheit zurück sein mag. Und immer gehört die eigene Person mit in eine solche Reflexion hinein: Bin ich selbst heute ein mutiger Bekenner oder einer, der sich einfach blind der Gesellschaft anpasst? Der Mut, anders zu denken und zu handeln, kreativer Ungehorsam und Zivilcourage sind primäre Tugenden, die wir den Kindern und Jugendlichen vorleben sollten.

Handlungen unterliegen einer sittlichen Bewertung und bergen mögliche Schuld in sich, die der Vergebung bedarf – und Vergebung wird dem Täter, nicht der Handlung gewährt. Bei einem Verbrechen kann der Geschädigte nur dann vergeben, wenn klar und ohne Umschweife beim Namen genannt wird, was ihm widerfahren ist, und wenn es dem Täter von Herzen leid tut. Wie soll Geschichte verantwortbar aufgearbeitet werden, wenn wir uns so schwer tun, unmissverständlich die Wahrheit aufzudecken und sie zu sagen – in gebührender Achtung der Menschwürde? Jesus hat dem reumütigen Sünder vergeben, die Sünde aber stets klar beim Namen genannt. Das darf doch gerade uns Christen, die seinen Namen tragen, nicht so schwer fallen.

Felix Evers, Kaplan – Eutin –

 
 
 
 
 

Ostholsteiner Anzeiger
vom 11.02.2003
Leserbriefe

 

„Wenig Glück mit Ehrenbürgern“

ebenfalls zum Leserbrief von Ernst-Günther Prühs (OHA vom 7.Februar)

Eutin scheint wenig Glück zu haben mit seinen Ehrenbürgern: Bischof Kieckbusch, schon zu Lebzeiten und erst recht danach zum legendären Gutmenschen, zu einer verehrungswürdigen Ikone stilisiert, ist nicht nur durch die Zeit der braunen Diktatur „hindurchgeschlittert“, um Schaden von seiner Kirche zu wenden, sondern hat, nachzulesen in Quellen und „lokalem Fenster“ der Ausstellung „Kirche, Christen, Juden“ und bei Prof. Stokes (Kleinstadt im Nationalsozialismus) – Stellung bezogen im Sinne des NS-Regimes. Als es nach dem Krieg darum ging, Schuld und Verstrickung der evangelischen Kirche anzuerkennen und Reue zu zeigen, lehnte er in mehreren Briefen das Stuttgarter Schuldbekenntnis ab, obwohl dieser Text die Mittäterschaft der Kirche und damit das wahre Ausmaß der Schuld gar nicht aufdeckte. Die Tatsache, dass an der Landeskirche zwei ehemalige NS-Pastoren unterkriechen konnten, passt in dieses Bild.

Der andere Ehrenbürger, in dessen historischen Büchern und Aufsätzen die Täter und Mitläufer jener unsäglichen Zeit milde und verständnisvoll behandelt werden, schlägt nun gnadenlos zu – gegen diejenigen, die das „lokale Fenster“ der Ausstellung nach umfassenden historischen Recherchen geöffnet haben, um endlich den frischen Wind der Wahrheit wehen zu lassen und aufzuzeigen, welchen Anteil die Kirche an der Gesamtschuld zu tragen hat. Stellvertretend für diese „Nestbeschmutzer“ richtet sich sein maßloser Zorn gegen Pastor Lutz Tamchina. Herr Prühs benutzt die Bibel als Zitatenlexikon, um ihn der Unchristlichkeit zu zeihen. Höhepunkt seiner Diffamierung ist die Andichtung einer Straftat und der Ruf nach dem Staatsanwalt.

Nein, Herr Prühs, nicht Herr Tamchina wird durch Ihren Leserbrief decouvriert, sondern Ihre Einstellung als Historiker und als Mensch. Wie war das noch mit den Pharisäern?

Rita Rehm – Eutin –

 
 
 
 
 

Nordelbische Kirchenzeitung
vom 23.02.2003

 

„Kirche, Christen, Juden“ – Episode?

VON WOLF-MATTHIAS GALLIEN
Die Zahlen sprechen für sich: Etwa 3000 Besucherinnen und Besucher haben den Weg in die St. Michaelis-Kirche gefunden, darunter erfreulich viele Schulklassen, die - so Pastor Lutz Tamchina – zum Teil sehr gut vorbereitet waren. Der Vortrag des Kieler Historikers Hansjörg Buss, der sich kritisch mit der „Ära Kieckbusch“ auseinandersetzte, markierte den Beginn einer in der Lokalpresse über Leserbriefe sehr engagiert ausgetragenen Debatte. Gemeindeglieder berichteten von menschlichen und seelsorgerlichen Qualitäten des Landesbischofs, die sie hoch zu schätzen wissen. Sie setzten diese positiven Erfahrungen gegen die Kritik, die sich vor allem daran festmacht, dass Wilhelm Kieckbusch es nach dem Zweiten Weltkrieg nachweisbar förderte, dass Pastoren in seinen Kirchenkreis berufen wurden, die überzeugte und aktive Nationalsozialisten gewesen waren. Dazu passt, dass es eine Reihe von Stimmen gab, die über positive Erlebnisse, vor allem mit den Pastoren Hossenfelder und Rönck berichten, - obwohl diese sich nie wirklich eindeutig von ihren Fehlern distanziert und um Vergebung gebeten haben.

Es ist die Frage, ob diese Diskussion nach dem Ende der von einigen „ungeliebten Ausstellung“ abbricht? War sie eine 3-wöchige „Episode“ oder hat sie – „nun endlich“ eine sachliche Auseinandersetzung mit der problematischen Vergangenheit eingeleitet, die im Kirchenkreis Eutin „überfällig" ist?

 
 
 

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