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"Alibiveranstaltung"?
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Von Uwe Schmidt befinden sich bereits zwei Beiträge
in dieser Internetpräsentation:
"Eine vertane Chance - kritische Stellungnahme zur Ausstellung"
im Forum "Reaktionen
auf die Ausstellung"
"Nicht
gelungen" vom 10.03.02 Presseberichterstattung Alt-Hamburg
im Pressearchiv
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Antwort auf die Erwiderung
H-Soz-u-Kult
vom 28.07.2003
Ort: Wanderausstellung
Veranstalter: Nordelbisches Kirchenarchiv
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Uwe Schmidt
E-Mail: fabulus@gmx.de
Es ist bedauerlich, dass Wolfgang Grünberg und Siegfried
von Kortzfleisch auf die von mir in meiner Ausstellungskritik
genannten Punkte gar nicht eingehen, vielmehr eine andere
Thematik in den Mittelpunkt ihrer notwendigen Erwiderung
stellen. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus nicht zu den Schwerpunkten ihrer
Arbeit gehört. Herr von Kortzfleisch hat nach Internetrecherchen
zusammen mit anderen über das Verhältnis von Christen
und Juden und als Journalist über die Verwendung der
Rhetorik in der Kommunikation gearbeitet, Herr Grünberg
zu Fragen der Religionspädagogik und als Verfasser eines
Lexikons über Hamburger Religionsgemeinschaften. Die
heute allgemein geläufige Erkenntnis, dass die Verflechtung
des Protestantismus mit dem Nationalsozialismus nicht erst
1933 begann und nicht 1945 endete, scheinen sie sich noch
nicht zu eigen gemacht zu haben. Neuere Untersuchungen zum
Nationalsozialismus (z.B. Brigitte Hamann, Hitlers Wien) befassen
sich schwergewichtig mit der Genesis von Auffassungen, die
später weite Teile des Protestantismus - vor 1933 und
danach - erfasst haben.
Der Birminghamer Missionswissenschaftler Werner Ustorf (wie
Stephan Linck ebenfalls einer meiner früheren Schüler)
hat in einer vor drei Jahren publizierten Untersuchung (Sailing
on the next tide. Missions, Missiology and the Third Reich)
herausgestellt, in wie hohem Ausmaß auch die in Hamburg
beheimatete Missionswissenschaft in der Person von Walter
Freitag den Nationalsozialismus bejahte und die vor seinen
Augen sich vollziehende Deportation der Hamburger Juden schlicht
nicht zu Kenntnis nahm. Zu seinen Auffassungen war Freytag
als ein herausragender Vertreter des Hamburger Protestantismus
im Jahrzehnt vor der Diktatur gekommen. Wer also, wie die
beiden Verfasser der notwendigen Erwiderung ausdrücklich
betonen, die Ergebnisse der Forschung vermitteln und diese
ausstellungsdidaktisch aufbereiten will, muss weit vor Hitlers
Machtantritt ansetzen und die fragwürdigen Vernebelungsaktionen
protestantischer Kirchenführer weit nach 1945 in eine
Konzeption einbeziehen. Genau dieses aber habe ich als ein
Defizit der Ausstellung (die ich mir selbstverständlich
angesehen habe!) kritisiert. Die beiden Erwiderer
würden daher meiner Kritik an der Ausstellung zumindest
doch in diesem Punkte zustimmen müssen. - Im Übrigen
hatte und hat meine Kritik ein einziges Thema: Die Ausstellung
Kirche, Christen, Juden in Nordelbien, nicht die
Genesis dieser Ausstellung und nicht das von mir gar nicht
angezweifelte, aber auch nicht thematisierte Engagement der
Teilnehmer des innerkirchlichen Diskussionsprozesses. Wer
sich in der Öffentlichkeit als Teilhaber an der Aufarbeitung
der deutschen Vergangenheit beteiligt und seine Ergebnisse
präsentiert, verlässt aber den innerkirchlichen
Raum und setzt sich der Kommunikation - aber auch der Kritik
- von Menschen aus, die an diesem Vorgang ebenfalls teilhaben.
Ich habe in zwei Publikationen (1997 und 1999) die Denkmuster
der im öffentlichen Dienst und in der Schule Beschäftigten,
die Genesis dieser Denkmuster und das Verhalten ihrer Träger
zwischen 1933 und 1945 untersucht. Ich halte mich daher für
kompetent, sachbezogen auch zu den von der NEK vorgelegten
Resultaten ihres Denkprozesses Stellung zu beziehen. Die von
den beiden Erwiderern als Bewertungsmaßstab
beanspruchte Ambivalenz von Christen während
der Diktatur bedarf der Differenzierung: Personen an führender
Stelle müssen sich darauf befragen lassen, ob sie - als
Lehrer, Schulleiter, Ärzte oder Kirchenführer -
im Kernbereich ihres Handelns gegen ihre Berufsethik verstoßen
haben - für die beiden Hamburger Landesbischöfe
Tügel und Schöffel muss diese Frage leider in aller
nicht misszuverstehenden Deutlichkeit bejaht werden - wie
auch immer man welche Archivalien auswertet. Die Nordelbische
Kirche hat sich im Vorfeld zur Ausstellung selbst dem - keineswegs
absurden - Verdacht einer Apologetik ausgesetzt,
indem sie eine gänzlich unkritisch gehaltene Dissertation
über Tügel finanziell unterstützte. Es ist
mir erst durch hartnäckige Vorstöße bei den
Verantwortlichen gelungen herauszufinden, dass diese im Endeffekt
apologetische Schrift von den Verantwortlichen nicht einmal
professionell geprüft worden war.
Die Absicht meiner kritischen Stellungnahme ist daher, anders
als die beiden Herren behaupten, nicht fragwürdig,
die Kritik an der Ausstellung selbst streng sachbezogen: Sie
nennt die kritisierten Dinge beim Namen und versucht nicht
- wie die beiden Erwiderer - durch abartige psychologisierende
Spekulationen über die Beziehungen zwischen einem Lehrer
und dessen Schüler die Sachbezogenheit zu einer personenbezogenen
Anklage, Verurteilung oder anonymisierten
Attacke umzufunktionieren. Es wäre doch schon ein
Gewinn an Verständigung, wenn sich beide Seiten den Satz
Wer kritisiert, ist interessiert zu eigen machen
könnten. Wenig hilfreich ist dagegen eine Selbstbelobigung
von Repräsentanten der NEK und ihres Tuns als hervorragend
und wenig erhellend die Berufung auf namhafte Hamburger
Historiker, deren Namen jedoch nicht genannt werden.
Da die von den Erwiderern genannte Kieler Publikation
aus dem Jahre 2003 (die ich inzwischen gelesen habe) noch
nicht erschienen war, als ich meine Austellungsrezension vor
einigen Monaten verfasste, konnte ich sie auch noch nicht
einbeziehen.
Dr. Uwe Schmidt
Diese Rezension wurde redaktionell betreut
von:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv@geschichte.hu-berlin.de>
URL: Homepage
Typ: Dokumententyp
Land: Germany
Sprache: German
Klassifikation: Regionaler Schwerpunkt: Deutschland
Epochale Zuordnung: 1933-1945
Thematischer Schwerpunkt: Kirchen- und Religionsgeschichte,
NS / Faschismusgeschichte
URL zur Zitation
dieses Beitrages: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=18&type=rezausstellungen
Copyright (c) 2003 by H-Soz-u-Kult (H-Net), all rights reserved.
This work may be copied and redistributed if permission is
granted by the author and H-Soz-u-Kult.
Please contact hsk.redaktion@geschichte.hu-berlin.de.
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Rez. Ex: Kirche im Nationalsozialismus
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Kirche, Christen, Juden
Eine notwendige Erwiderung
H-Soz-u-Kult
vom 28.07.2003
Ort: Wanderausstellung
Veranstalter: Nordelbisches Kirchenarchiv
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Grünberg Wolfgang, Institut für Praktische Theologie,
Universität Hamburg
E-Mail: wolfgang.gruenberg@theologie.uni-hamburg.de
Dr. Uwe Schmidt hat die Wanderausstellung Kirche, Christen,
Juden in Nordelbien 1933-1945 rezensiert. Die Rezension
gibt sich als Anklageschrift gegen Unbekannt und bietet sich
zugleich als Begründung für die Verurteilung des
Unbekannten an. Es ist, um der Wahrheit und der Redlichkeit
willen, dringend geboten, dieser Besprechung zu widersprechen.
Es sind wenigstens elf Anmerkungen zu machen:
1. Grundsätzlich ist festzustellen: Eine historische
Ausstellung ist nicht die Fortsetzung der Forschung mit anderen
Mitteln. Eine Ausstellung dient der Vermittlung von Ergebnissen
der Forschung und unterliegt dabei selbstverständlich
wissenschaftlichen Standards. Sie will Informationen ausstellungsdidaktisch
aufbereiten und zum Nachdenken anregen. Beim Thema Kirche,
Christen Juden geht es darüber hinaus um einen Prozess
des Umdenkens. Dies alles leistet die Ausstellung hervorragend.
2. Man muss wissen, wie es zu der Ausstellung kam. Uwe Schmidt
weiß das eigentlich, doch schweigt er darüber.
Sie entstand, gleichsam als begleitendes Vorhaben, im Zusammenhang
eines landeskirchenweiten Diskussionsprozesses in der Nordelbischen
Evangelischen Lutherischen Kirche (NEK) über Christen
und Juden, der im September 2001 in die theologische Erklärung
Christen und Juden mündete. Kernsätze
der Synodalerklärung zum Beispiel: Wir erkennen,
wir haben geirrt und Deshalb müssen wir Buße
tun. Die Ausstellung, inzwischen ein Selbstgänger,
ergänzt den synodalen Prozess. Sie konnte
und sollte nicht eine umfassende, lückenlose Darstellung
des Themas Christen und Juden im Dritten Reich bieten und
natürlich kein dickes Buch ersetzen. [Ein Begleitbuch
zur Ausstellung mit allen Texten und weiteren wissenschaftlichen
Abhandlungen und Reflexionen liegt übrigens jetzt auch
vor (Annette Göhrens, Stephan Linck, Joachim Liß-Walther
(Hrsg.), Als Jesus 'arisch' wurde, Kirche, Christen, Juden
in Nordelbien 1933-1945, Bremen 2003). Auch darüber kein
Wort in der Rezension. Ist das redlich?]
3. Die Konzeption der Ausstellung, die Uwe Schmidt versäumt
überhaupt ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen, war diese:
An Hand von zehn Biographien ist beispielhaft zu zeigen, wie
sehr verschieden Christen mit dem Naziregime und seinem ideologischen
Druck umgehen konnten, von williger Unterwerfung und gläubiger
Zustimmung bis zu Widerstand und Widerspruch. Exemplarisches
Arbeiten an Hand von Biographien ist ein in der Geschichtswissenschaft
übliches Verfahren. So kann kein Betrachter seinen eigenen
virtuellen Platz in solchen Entscheidungssituationen einfach
bei den Guten oder Unschuldigen suchen.
4. Die ausgewählten Beispiele waren so darzubieten,
dass sie in Wort und Bild in den Bänken einer Kirche
Platz finden. Das verlangte Konzentration auf nicht zu viele
Dokumente. Die Ausstellung hat ihren Platz in Kirchen, weil
sie auf ein Umdenken, christliche Buße,
zielte.
5. Uwe Schmidt zielt auf den Autor der Ausstellung, den Historiker
Dr. Stephan Linck, ohne seinen Namen zu nennen. Dies anonyme
Verfahren verletzt das Gebot, auch in wissenschaftlichen Kontroversen
mit offenem Visier zu kämpfen. Dabei kennt Schmidt Dr.
Linck gut. Linck war sein früherer Schüler und Abiturient.
Es gibt Erinnerungen an ein streitiges Gegenüber von
Schulleiter und Schulsprecher.
Die anonymisierte Attacke läßt vermuten, dass sie
in fragwürdiger Absicht geschrieben wurde.
6. Uwe Schmidt greift in seiner Argumentation auf Veröffentlichungen
des Hamburger Archivars und Historikers PD Dr. Rainer Hering
(besonders: Ders., Die Bischöfe: Simon Schöffel,
Franz Tügel, Hamburg1995) zurück, ohne diese Quelle
zu nennen.
7. Linck hatte während der Vorbereitung der Ausstellung
ein Gespräch mit Schmidt und Hering (lt. U. Schmidt am
22.09.2000). Es ergab sich bald, daß die beiden inhaltlich
andere Gewichtungen und methodisch andere Ziele im Sinne hatten
als Linck. Daraufhin kam es nicht zu weiteren Konsultationen.
8. Bei dem Dissens geht es a) um die Zwecke und Ziele dieser
Ausstellung und b) speziell um die Darstellung der Hamburger
Bischöfe, zumal Franz Tügel, Bischof von Hamburg
ab 1934. Hering bewertet Tügel konsequent negativ. Linck
sieht Tügel, ohne ihn von seiner schuldhaften Verquickung
in Antisemitismus und Nazigeist zu entlasten, gleichwohl in
einer gewissen Ambivalenz und darin eben leider typisch für
viele Christen jener Tage. Linck hat z.T. andere Archivalien
ausgewertet.
9. Schmidt ficht den Dissens zu Lasten der Ausstellung selber
aus. Er weckt den absurden Verdacht, es ginge den Ausstellungsmachern
um Apologetik. Wäre das die geheime Absicht der Verantwortlichen
gewesen, hätten sie nicht die Ausstellung beschlossen
und betrieben. Er nimmt in Kauf, der Ausstellung zu schaden,
deren Absichten zu verdunkeln und sie in Verruf zu bringen
(siehe Rezension Schmidt passim, besonders in den Abschnitten
2 bis 4. Die Spitze seiner Kritik wird in seiner Rezension
in der viertletzten Zeile seiner Rezension erreicht: "Es
ist leider auch nicht von der Hand zu weisen, dass dieses
Projekt nur als Alibiveranstaltung dienen soll, um die Aufarbeitung
der Geschichte der Kirche mit einem möglichst geringen
Aufwand und ohne einen dauerhaften schriftlichen Ertrag hinter
sich zu bringen."). Schmidt fordert eine Ausstellung,
die die "Chance einer Historisierung" nutzt, und
das bedeutet für ihn, dass die "Periode von 1870
1970 in ihrem Zentrum die Nazifizierung der
Kirche " stehen müsse. Damit misst er die
Ausstellung am Maßstab eines umfassenden Forschungsvorhabens,
das im übrigen der Kirchenkreis Alt-Hamburg für
seinen Bereich gerade befördert. Es ging der kritisierten
Ausstellung gerade nicht um "Historisierung", sondern,
wie oben Ziffer 4 erwähnt, um Einstellungen und ihre
notwendigen Veränderungen, aus der sich so ein neues
historisches Interesse bilden soll und wird. Dieses exemplifiziert
die Ausstellung durch die Einrichtung eines sog. "lokalen
Fensters", das jeweils am Ausstellungsort lokale Detailstudien
zunächst anregt hat und schließlich präsentiert.
Die Ausstellung animiert also zu weiteren Forschungen statt
sie angeblich überflüssig zu machen. Sie setzt konsequent
auf weitere Forschungen und aktive Rezeption vor Ort. Wo diese
Ausstellung gezeigt wird, gibt es ein ausdifferenziertes Begleitprogramm
mit Vorträgen, Diskussionen, Themengottesdiensten etc.
So sind mittlerweile Hunderte von namhaften Fachleuten an
unterschiedlichsten Orten zu Wort gekommen. Die Ausstellung
selbst ist von namhaften Hamburger Historikern besichtigt
und für gut befunden worden. Von diesem gesamten Prozess
und der sie tragenden Intention kein Wort bei Schmidt.
10. Dr. Schmidt hat der Ausstellung keinen einzigen sachlichen
Fehler nachgewiesen. Er bietet lediglich - und tut es verbissen
noch dies oder jenes Zitat an, vor allem in Sachen
Franz Tügel, auf den er sich fast ohne einen Blick nach
rechts oder links kapriziert.
11. Die Ausstellung wurde wiederholt in dem thematischen
Sonderausschuss der nordelbischen Synode besprochen und beraten.
Dem Ausschuß ist weder Unkenntnis noch apologetische
Absicht zu unterstellen. Wir gehörten dem Ausschuß
an. Wir bekunden ausdrücklich: Die Ausstellung hat ihrem
Auftrag hervorragend entsprochen. Dies verdankt sie der Arbeit
von Dr. Stephan Linck.
Hamburg, 24. Juli 2003
Prof. Dr. Wolfgang Grünberg
Dr. Siegfried von Kortzfleisch
Diese Rezension wurde redaktionell betreut
von:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv@geschichte.hu-berlin.de>
URL: Homepage
Typ: Dokumententyp
Land: Germany
Sprache: German
Klassifikation: Regionaler Schwerpunkt: Deutschland
Epochale Zuordnung: 1918-1933
Thematischer Schwerpunkt: Kirchen- und Religionsgeschichte,
NS / Faschismusgeschichte
URL zur Zitation
dieses Beitrages: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=17&type=rezausstellungen
Copyright (c) 2003 by H-Soz-u-Kult (H-Net),
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This work may be copied and redistributed if permission is
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Please contact hsk.redaktion@geschichte.hu-berlin.de.
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Rez. Ex: Kirche im Nationalsozialismus
H-Soz-u-Kult
vom 28.05.2003
Ort: Wanderausstellung
Veranstalter: Nordelbisches Kirchenarchiv
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Uwe Schmidt
E-Mail: fabulus@gmx.de
Ein halbes Jahrhundert nach dem Sieg der Kriegskoalition
gegen die Hitler-Diktatur lassen sich von der historischen
Aufklärung endlich auch gesellschaftliche Bereiche erfassen,
die sich bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts und weit
darüber hinaus einer kritischen Selbstbefragung - gelegentlich
geradezu verstockt - verweigert haben. Zu ihnen gehört
die Evangelisch-Lutherische Kirche. Was hierbei zu geschehen
hat und wie vorgegangen werden sollte, hat jüngst in
einer Arbeitstagung das Landeskirchliche Archiv Berlin-Brandenburg
zu unserem Thema in einer eindrucksvollen Arbeitstagung programmatisch
demonstriert (Tagung des Landeskirchlichen Archivs Berlin-Brandemburg
11.12.10.2002 zum Thema Protestantismus - Nationalsozialismus
- Nachkriegsgeschichte): Die Aufarbeitung der Geschichte
der Kirche muss bereits im 19. Jahrhundert ansetzen und dabei
auch die Sozialisationsbedingungen der um 1890 geborenen späteren
Leitfiguren aufhellen, also ihre Prägung durch das Wilhelminische
Reich, die Jugendbewegung, den Nationalkonservativismus und
das Weltkriegserlebnis.
Dass die von diesen Leitfiguren Repräsentierten, das
Kirchenvolk also, in ihrer Mehrheit diesen Kurs für gut
befanden, weist auf einen Konsens zwischen oben
und unten. Nur auf diesem Wege lässt sich
begreifen, warum der deutsche Protestantismus sich als so
offen und aufnahmebereit für den Nationalsozialismus
und somit als eine seiner gesellschaftlichen Haupteinbruchsstellen
erwies. Interdisziplinäre Forschungsansätze müssen
sich aus den überkommenen, zu engen Forschungstraditionen
(Theologie, Kirchengeschichte oder Geschichte von Institutionen)
lösen mit dem Ziel, eine Kulturgeschichte des Protestantismus
zu erarbeiten. Dabei sind sowohl der Beitrag der Kirche zur
Nazifizierung als auch der kirchliche Widerstand gegen den
Nationalsozialismus aufzugreifen, besonders aber die Frage,
was denn die Kirche selbst nach 1945 getan oder unterlassen
hat, ihre Geschichte kritisch und professionell aufzuarbeiten.
Die Periode von 1870 bis 1970 - in ihrem Zentrum die Nazifizierung
der Kirche - muss, so resümierte Manfred Gailus in die
Thematik der Berliner Tagung einführend, als schwerste
Identitätskrise des Protestantismus seit seinem Bestehen
angesehen werden.
Auf diesem Hintergrund ist eine im Auftrag der Synode der
Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (NEK) vom Nordelbischen
Kirchenarchiv erarbeitete Ausstellung Christen und Juden
in Nordelbien 1933-1945 kritisch zu betrachten, die
seit Ende 2001 mit einem jeweils unterschiedlichen Beiprogramm
in allen Teilen Nordelbiens gezeigt wird. Erst 1977 wurden
die Landeskirchen Hamburg, Lübeck, Eutin, Holstein und
Schleswig, ergänzt durch die Superintendantur Harburg
der Hannoverschen Landeskirche, zur NEK zusammengeschlossen.
Diese scheint also nunmehr entschlossen, die nationalsozialistische
Geschichte ihrer Vorgängerkirchen aufzuarbeiten. Die
interessierte Öffentlichkeit, insbesondere geschichtlich
aufgeschlossene Jugendliche, sollen nach Absicht der Veranstalter
erfahren, wie die Kirche ihre eigene Geschichte und ihren
eigenen Beitrag zum Dritten Reich zu Beginn des
21.Jahrhunderts sieht und wie weit sie auf dem Stand der Forschung
ist. Das Ergebnis der Besichtigung dieser Ausstellung ist
jedoch enttäuschend: Die Veranstalter begeben sich der
Chance einer Historisierung, indem sie ihre Exponate
und sachlichen Hinweise chronologisch auf den Zeitraum von
1933 bis 1945 begrenzen. Der Besucher wird also nicht verstehen,
warum das Desaster 1933 plötzlich über die Kirche
hereinbrach, denn er wird ja darüber im Unklaren gelassen,
dass die Irrwege, auf welche die Kirche jetzt geriet, lange
vor 1933 ihren Anfang genommen hatten.
Ebenso fehlt eine chronologische Weiterführung von 1945
bis in unsere Zeit. Sie würde Hinweise darauf enthalten
müssen, wie (defizitär) die Kirche nach dem Kriege
mit dem Thema umgegangen ist, wie lasch und schonsam sie die
Entnazifizierung gehandhabt hat, wie uninteressiert
sie sich gegenüber den Juden verhalten hat und welche
kirchlichen Leitfiguren für diese Versäumnisse die
Verantwortung tragen. Die Irrwege und Irrtümer, denen
die Kirche verfallen ist waren (und sind?) ja mit dem Datum
1945 keineswegs beendet.
Unter den kirchlichen Leitfiguren verdienen die Hamburger
Landesbischöfe der Periode von 1933-1945, Simon Schöffel
und Franz Tügel, beide überzeugte Nationalsozialisten,
aber auch ihre Nachfolger nach 1945 Theodor Knolle, Volkmar
Herntrich und Karl Witte unsere besondere Aufmerksamkeit.
Da die Ausstellung mit dem Jahre 1945 abbricht, erfahren wir
über die drei Letztgenannten und ihre erfolgreichen Bemühungen,
Belastete zu schonen und kritische Stimmen wie die des Kirchengeschichtlers
Heinrich Wilhelmi zu unterdrücken, nichts. Immerhin werden
aber wenigstens die beiden mit dem Nationalsozialismus verflochtenen
Landesbischöfe vorgestellt: So wird über Tügel
mitgeteilt, er habe als DC-Pastor (für den
Unkundigen bleibt unklar, was hier die Abkürzung DC für
Deutsche Christen bedeutet) Simon Schöffel als Landesbischof
abgelöst. Nicht gebracht wird der geradezu programmatische
Satz Tügels am 5.3.1934 vor der Synode nach seiner Wahl:
Ich kenne nur einen Feind: Wer diesen Staat Adolf Hitlers
nicht will. Mit solchen werde ich sehr kurz fertig. Das bin
ich nicht nur meiner Kirche schuldig, sondern meinem Staat,
meinem Volk und meinem wunderbaren Führer. In einem
Schreiben an den Hamburger Reichsstatthalter Karl Kaufmann
(1900-1969) schrieb Tügel: Ich gelobe Ihnen, als
treuer Gefolgsmann unseres Führers, mein Amt im Sinne
des Dritten Reiches zu verwalten. Auch diese Aussage
gehört in eine kritisch konzipierte Ausstellung. Die
am 31.10.1941 von Pastor Heinrich Wilhelmi geübte Kritik
an Tügels Verhalten zur Austreibung der Juden und den
Umständen dieser Austreibung wird zwar gebracht, Tügels
Antwort vom 28.11.1941 jedoch nur in einem Faltblatt zur Person
an anderer Stelle: Eine Verantwortung für die evangelischen
Glieder der jüdischen Rasse habe ich nicht, denn die
Getauften sind nur in ganz seltenen Fällen wirkliche
Glieder der Gemeinde gewesen. Wenn sie heute mit in das Ghetto
abwandern müssen, dann sollen sie dort Missionare werden.
Nicht sie bedürfen der Seelsorge, sondern ihre unbekehrten
Rassegenossen. Dieser Satz müsste aber als Ergänzung
und Kontrast zur Kritik Wilhelmis in der Ausstellung selbst
erscheinen, weil nur so die gegensätzlichen Positionen
Wilhelmis und Tügels deutlich werden. Er würde den
Ausstellungsbesuchern drastisch verdeutlichen, dass von 1934
bis 1945 ein notorischer, unbelehrbarer Antisemit die Hamburger
Landeskirche leitete. - Die zum Verständnis der hamburgischen
Kirche im Nationalsozialismus keineswegs unwichtige Person
von Simon Schöffel, Vorgänger und Nachfolger Tügels
im Amte des Landesbischofs, wird in der Ausstellung nicht
eigens thematisiert, obwohl ja - wie gesagt wird - Tügel
ihn als Bischof - wie die Ausstellung verharmlosend formuliert
- ablöste. Der unkundige Besucher müsste
erfahren, dass Schöffel im Mai 1933 der erste Hamburger
Landesbischof wurde und in dieser Funktion das Führerprinzip
in der hamburgischen Kirche installierte; dass er darüber
hinaus den Nationalsozialismus ausdrücklich begrüßt
und sich mit dessen Blut-und-Boden-Ideologie identifiziert
hat.
Nach seiner Wahl zum ersten lutherischen Landesbischof Hamburgs
durch die Synode am 29.5.1933, also wenige Wochen nach der
Reichstags-brand-verordnung, die die wesentlichen
Grund-rechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte,
der Ver-kündi-gung des Er-mächti-gungsgesetzes und
der Gleich-schal-tung der Länder mit dem
Reich, dem Boykott jüdischer Geschäf-te, der Verab-schiedung
des Ge-setzes zur Wiederher-stellung des Berufsbeamtentums
und unmittelbar nach den öffentlichen Bücherverbrennungen
bekundete Schöffel als Repräsentant einer protestantischen
Landeskirche seine Freude über den nationalen Auf-bruch
und den Weg zur Freiheit, der mit der Machtübertragung
an Hitler eröffnet worden sei. Der Ausstellungsbesucher
wird in Unkenntnis gelassen über die reichskirchlichen
Machenschaften Schöffels, mit denen er den Nationalsozialisten
zuarbeitete, und ihm wird vorenthalten, dass der zweifach
promovierte Kirchenhistoriker Simon Schöffel nach 1945
nicht einmal vor einer Geschichtsklitterung zurückschreckte,
indem er das kirchliche Ermächtigungsgesetz von 1933,
um seine eigene Position zu stärken, verfälschend
auf das Folgejahr 1934, also in die Ära Tügel datierte.
Der Ausstellungsbesucher sollte außerdem erfahren, dass
Schöffel und sein von ihm stark protegierter Weggefährte
Theodor Knolle, späterer Landesbischof, verhinderten,
dass die Bekennt-nisgemein-schaft 1938 eine Solida-ritätserklä-rung
für den Dahlemer Pfarrer Martin Niemöller heraus-gab,
der als persön-licher Gefangener Adolf Hitlers im Kon-zentrationslager
saß.
Die Forderung der Berliner Tagung, die Sozialisationsbedingungen
der um 1890 geborenen kirchlichen Leitfiguren deutlich zu
machen, wird durch die nordelbische Ausstellung nicht erfüllt.
Statt einer im Grunde unkonzeptionellen und unprofessionellen
chronologischen Aneinanderreihung von unkommentierten Fakten
ohne Hintergrundinformationen wäre eine thematische Festlegung
auf mehrere Schwerpunkte - einer von ihnen die Prägung
durch Faktoren des Kaiserreichs - für die Besucher hilfreich
gewesen. Den Angaben zur Vita Tügels - als Beispiel -
fehlt die konzeptionelle Einbettung: Gezeigt wird auf einem
Faltblatt ein Ausspruch von ihm, er sei bereits im Alter von
sieben Jahren Antisemit gewesen und habe damals, dafür
von einem Vater belobigt, einen gleichaltrigen Nichtarier
verprügelt - warum oder wieso? Hierüber wird nichts
mitgeteilt.
Die für diese Ausstellung Verantwortlichen haben die
Jahreszahlen ihres Ausstellungsmottos Christen und Juden
in Nordelbien 1933-1945 allzu wörtlich genommen
und sich zu wenig Gedanken über eine weiterführende,
umfassende Konzeption gemacht, die auch den Hintergrund ausleuchtet
und die sichtbar gemachten Linien bis in die Gegenwart verlängert.
Anspruch und Umsetzung stehen also nicht im Einklang miteinander:
Es fehlt eine nachvollziehbare Konzeption, den Anspruch, soweit
er deutlich wird, umzusetzen. So erhält der normale,
also geschichtlich und kirchengeschichtlich nicht eigens vorgebildete
Besucher keine für ihn nützlichen Informationen,
die Wege, die ihn veranlassen könnten, die Ausstellung
ertragreich zu begehen, werden ihm nicht klar aufgezeigt.
Angesichts der fehlenden Rücksichtnahme auf interessierte
Besucher, die in diese spezielle Thematik erst einmal sachgerecht
eingeführt werden müssten, und einer nicht erkennbaren
didaktischen Leitidee wiegt es doppelt schwer, dass die Ausstellung
von der Anzahl und Auswahl der Exponate her eher schlicht,
wenn nicht gar armselig genannt werden muss. Der von der Synodalpräsidentin
Elisabeth Lingner formulierte Anspruch, das Thema Juden
und Christen anschaulich und Empathie auslösend
darzustellen und damit den Dialog zwischen den Generationen
neu zu eröffnen, wird also nur halbherzig und ausgesprochen
mittelmäßig eingelöst - am ehesten werden
diesem Anspruch noch die neun als Begleitmaterial bereitgestellten
Biographien gerecht. Im Gegensatz dazu ist z.B. das ausgelegte
Fotoalbum der Pfadfinderschaft der Hamburger Paulus-Gemeinde
nur für Besucher mit Vorkenntnissen interessant und weiterführend.
Es fehlen hier jegliche Erläuterungen, z.B. über
die Vereinnahmung der Jugendbewegung und der Jugendbünde
durch den Nationalsozialismus. Auch wird lediglich die männliche
Seite dieser Vereinnahmung gezeigt. Es müßte
begründet werden, warum dieses so ist und durch weitere
geeignete Hinweise auf die Bevorzugung männlicher
Werte durch die Nationalsozialisten deren Menschenbild
verdeutlicht werden.
Als nicht eingebunden in eine Gesamtkonzeption wirkt die
Auswahl einzelner Personen zusammen mit der Präsentation
der Jerusalem-Gemeinde. Ebenso wenig klar wird, warum eine
Ausstellung zum Thema Kirche, Christen, Juden in Nordelbien
1933-1945 die Zeichnungen Arthur Goldschmidts aus Theresienstadt
einschließt; weil man sie gerade zur Verfügung
hatte - oder aus - nicht erkennbaren - konzeptionellen Gründen?
Nordelbische Christen, die von den Machthabern des sog. Dritten
Reiches deportiert wurden, sind auch in anderen Lagern gequält
und ermordet worden, andererseits kamen auch Menschen aus
vielen anderen Regionen des nationalsozialistischen Machtbereichs
nach Theresienstadt, darunter auch viele Tschechen.
Am Ende einer solchen Kritik erhebt sich die Frage nach den
Gründen und tieferen Ursachen für die konstatierten
Defizite: Die Nordelbische Kirche hat sich mit der Umsetzung
ihres zu begrüßenden Synodalbeschlusses zweifellos
übernommen. Sie hat eine 18 Monate währende Vorbereitungsperiode
nicht genutzt, um in Kommunikation mit sachkundigen Menschen
außerhalb einer historisch gewachsenen, von Verfilzung
nicht freien administrativen kirchenamtlichen Monokultur eine
überzeugende Konzeption zu erarbeiten, sie hat einen
jungen, mit der Materie vorher nicht befassten Historiker
mit der Umsetzung des Synodalbeschlusses beauftragt, der dieser
Aufgabe allein nicht gewachsen war und sich gegenüber
kritischer Unterstützung von außen abschirmte.
Die Nordelbische Kirche ist allzufrüh allzu zufrieden
mit sich und ihrer Leistung, die bei aller Anerkennung dafür,
dass überhaupt etwas geschieht, nur zu einem halbherzigen,
mittelmäßigen Resultat geführt hat. Ob es
also gerechtfertigt ist, mit der Realisierung dieser nicht
unproblematischen Ausstellung in optimistischer Formulierung
von einer neuen Phase des Umgangs der Kirche mit ihrer nationalsozialistischen
Vergangenheit zu sprechen, lässt sich zur Zeit noch nicht
begründet feststellen. Es ist leider auch nicht von der
Hand zu weisen, dass dieses Projekt nur als Alibiveranstaltung
dienen soll, um die Aufarbeitung der Geschichte der Kirche
im 20.Jahrhundert mit einem möglichst geringen Aufwand
und ohne einen dauerhaften schriftlichem Ertrag hinter sich
zu bringen. - Die Ausstellung ist zur Zeit in verschiedenen
Orten Schleswig-Holsteins zu sehen.
Diese Rezension wurde redaktionell betreut
von:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv@geschichte.hu-berlin.de>
URL: Homepage
Typ: Dokumententyp
Land: Germany
Sprache: German
Klassifikation: Regionaler Schwerpunkt: Deutschland
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert
Thematischer Schwerpunkt: Kirchen- und Religionsgeschichte
URL zur Zitation
dieses Beitrages: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=16&type=rezausstellungen
Copyright (c) 2003 by H-Soz-u-Kult (H-Net),
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