Ich war bereits Antisemit, als Du vermutlich noch auf der Schulbank saßest.
Der Hamburgische Landesbischof Tügel in einem privaten Brief, 1942
Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte Heft 40 (2002)
Betrachtungen zur Ausstellung Kirche Christen Juden in Nordelbien 1933-1945
Vor der Tür im Vorraum steht ein Polizist, weil bei allen Dingen, die wie er sagt mit dem Jüdischen zu tun haben, das in Deutschland leider dazugehöre. Der Beamte langweilt sich und ist froh, mit den Ankommenden reden zu können. Wer wir sind, will er wissen, und was wir mit der Ausstellung zu tun haben, um dann um so lieber über das Ruderwettrennen auf dem Nord-Ostsee-Kanal zu sprechen.
Von der durch die Tür dringenden Orgelmusik werden wir unterbrochen, und bald darauf ist der Gottesdienst vorbei. Wir können jetzt die Christkirche in Rendsburg zur Eröffnung der Ausstellung Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945 betreten.
Der Tag der Eröffnung der 20. September 2001 ist bewusst gewählt worden: Die nordelbische Synode, das Kirchenparlament, beschäftigte sich bei ihrer turnusmäßigen Sitzung in Rendsburg intensiv mit dem Verhältnis von Christen und Juden und gab im November 1998 den Auftrag zu Erforschung des Themas. Deswegen überrascht es nicht, dass in der Kirche fast alle Plätze besetzt sind und sich darunter wohl mindestens 100 Synodale bzw. Gäste der Synode befinden.
Nach Grußworten der Präsidentin der Synode und des Rendsburger Gemeindevorstehers erhält ein Vertreter der jüdischen Gemeinde Hamburg und Schleswig-Holstein das Wort. Während vorher alles ruhig blieb (Darf man in einer Kirche klatschen, fragt mein Nebenmann), kommt jetzt erst zögernd, dann die Kirche füllend Beifall auf. Gerade diese Episode sagt etwas zum Verhältnis von Christen und Juden aus, doch die Interpretation möchte ich offen lassen.
Anschließend spricht mit Dr. Stephan Linck derjenige, der die Ausstellung durch seine Forschungsarbeit und Quellenrecherche ermöglichte (bgl. ISHZ 36, S. 97ff.). In seiner Rede stellt er die evangelischen Landeskirchen im Norden kritisch als Institutionen dar, deren Pastoren und Funktionäre mehrheitlich dem Antisemitismus der Nationalsozialisten gute Seiten abgewinnen konnten und sich auch die Bekennende Kirche nicht zu positiven Signalen für die verfolgten Jüdinnen und Juden entschließen konnte. Linck hebt zudem darauf ab, dass selbst in der NS-Diktatur jeder arische Christ und jede arische Christin einen Entscheidung darüber fällen konnte, wie er oder sie sich verhielt, ohne dass dies zwangsläufig zu Schutzhaft oder sonstigen Bestrafungen führen musste. Diese Freiheit der Entscheidung zu helfen, sich zu solidarisieren, passiv zu bleiben, mitzulaufen, zu denunzieren oder gar Täter zu werden würde die Ausstellung insbesondere anhand von neun Einzelbiografien aufzeigen. Anschließend laden die VeranstalterInnen zu einem Gang durch die Ausstellung ein, was die mehreren Hundert Anwesenden gerne annehmen.
Die Ausstellung lässt sich in fünf Bereiche aufteilen: Das ist zuerst die Einführung durch Aussagen aus der Kirche oder der Pastorenschaft zum Judentum sowie Informationen über die sechs Strömungen innerhalb der Kirche (wobei leider keine Gewichtung für Nordelbien bezüglich Einfluss und Mitgliederschaft vorgenommen wird). Es folgt ein schwarzes Eingangsportal, an dem sich die BesucherInnen mit dem ersten von insgesamt 13 Informationsfaltblättern ausstatten können, die mittels eines kleinen schwarzen Schubers im Laufe der Ausstellung gesammelt werden können. Diese Idee überzeugt und weckt dank der Gestaltung Assoziationen zu kirchlichen Bezügen.
Klug haben sich die GestalterInnen auch mit dem Thema Kirche als Ausstellungsraum befasst: Passend für die Ablageflächen der Gesangbücher in den Kirchenbänken sind rechteckige Informationstafeln konzipiert worden. Diese weisen sich durch weithin sichtbare Überschriften, kurze Texte und Originalzitate aus. Aufgrund des Installationsortes Kirchenbank wird die Ausstellung zudem während der Gottesdienste präsent sein, und auf Reaktionen darauf kann man gespannt sein.
Der vierte und fünfte Teil der Ausstellung widmet sich den Einzelbiografien bzw. der Darstellung einer christlichen Gemeinde. Die neun biografischen Stationen bestehen aus zwei Standtafeln, die jeweils einen biografischen Abriss und einen tabellarischen Lebenslauf liefern. Hinzu kommt eine audiovisuelle Installation: Nach dem Drücken eines entsprechenden Knopfes wird ein Porträt der Person auf eine überlebensgroße Leinwand projiziert und ein maximal zweiminütiger Text mit Zitaten der Person bzw. von Zeitzeugen und Angehörigen ertönt. Das Interessante dieser Zitate ist, dass sie zum Nachdenken anregen, da sie nicht ein So war er/sie Konzept à la Guido Knopp verfolgen, sondern offen die Widersprüche aufzeigen und den Rezipienten auffordern, einen eigenen Standpunkt dazu zu finden.
Zudem sind die Personen so gewählt, dass sie von antisemitischer Hetze und gläubiger Zustimmung zum Nationalsozialismus bis hin zu zivilcouragiertem Verhalten eine große Spannbreite an Optionen des Einzelnen und der Einzelnen aufzeigen und belegen, dass eine Reihe von Verhaltensweisen möglich waren. Wer möchte, kann anschließend seine Gedanken in ein an jeder Station bereitliegendes Buch eintragen.
Eine so genannte black box durchbricht die einheitliche Gestaltung in diesem Teil der Ausstellung und widmet sich der Geschichte der evangelischen Gemeinde in Theresienstadt, wie sie der überlebende verfolgte nichtarische Christ Arthur Goldschmidt 1946 niederschrieb. Die Darstellung der irisch-presbyterianischen Jerusalem-Gemeinde Hamburgs schließt diesen Teil ab. Die Gemeinde wurde zum wichtigsten Treffpunkt für Verfolgte, die nicht jüdischen Glaubens waren, so das dazugehörende Infoblatt, das auch nicht verschweigt, dass das Ziel der Gemeinde die so genannte Judenmission war, also der Übertritt von Jüdinnen und Juden zum christlichen Glauben. Unklar bleibt trotzdem, warum eine Gemeinde, die nicht zur evangelischen Kirche in Norddeutschland gehörte, thematisiert wird. Schließlich hat auch die katholische Kirche versucht, ihre konvertierten Mitglieder zu schützen, und wird zu Recht nicht mit in die Ausstellung einbezogen.
Überzeugender ist da schon das Konzept, auch die ausstellende Gemeinde zu fordern (bzw. zu überfordern...): Sie muss ein regionales Fenster füllen und darstellen, ob sie sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandergesetzt hat. Schon die Eröffnung in der Christkirche machte deutlich, dass hier viele offene Fragen und auch unangenehme Antworten bleiben werden, so dass eine Dokumentation dieser regionalen Fenster sehr wünschenswert wäre, da sie ein Schlaglicht auf den Ist-Stand vor Ort werfen werden.
Zur künstlerischen Gestaltung ist abschließend zu sagen, dass sie mich überzeugt hat. Neben den schon erwähnten Elementen wie dem Schuber für die Informationen, dem Kirchenbanktafeln und den audiovisuellen Installationen haben mich auch die auf angerosteten, lackierten Metallständern befindlichen Informationstafeln angesprochen. Zudem haben sich die GestalterInnen auf die Farben Schwarz, Weiß und Rot als wiederkehrendes Mittel zurückgezogen und damit bewusst die Assoziationen zur kaiserzeitlichen Fahne und den Farben der Nationalsozialisten geweckt.
Nicht ganz so überzeugend und schon gar nicht innovativ ist die Idee mit der black box. Abgesehen davon, dass dieses Mittel schon viel zu häufig in der deutschen Museumslandschaft zu finden ist, suggeriert es mir zu sehr Assoziationen im Sinne eines Nicht-Verstehbaren des Massenmordes an der jüdischen bzw. nichtarischen Bevölkerung Europas. Andererseits ermöglicht die black box den BesucherInnen, sich in einem ruhigen, abgeschlossenen Raum mit sich und der Geschichte auseinanderzusetzen.
Und was fehlt? Abgesehen davon, dass eine geografische Einordnung Nordelbiens hilfreich gewesen wäre was angesichts der vier damaligen Landeskirchen doch durch eine Karte hätte dargestellt werden müssen , wäre eine zahlenmäßige Einordnung gut gewesen: Wie viele evangelische und katholische Christen lebten 1933 bzw. 1939 in den einzelnen Kreisen und Städten, wie viele Jüdinnen und Juden bzw. wie viele Atheisten waren es? Die Einordnung derjenigen, die verfolgt wurden, und die Dominanz der jeweiligen Religionsgemeinschaften wäre so deutlich geworden, schließlich kann das Wissen um solche Fakten nicht vorausgesetzt werden.
Fazit: Die Ausstellung Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1993-1945 ist sehenswert und stößt hoffentlich in den beteiligten Gemeinden und Kirchenkreisen die weitere Erforschung der eigenen Geschichte an. Ob sie bei den BesucherInnen Reflexionen über eigene Handlungen und Verhaltensweisen anregt, muss offen bleiben, ist aber ob des guten Konzeptes nicht auszuschließen.
Nachtrag und offene Fragen
Im Januar 2002 wanderte die Ausstellung nach St. Petri in Hamburg, so dass ich die Zeit hatte, mich durch die Präsentation und das Begleitprogramm intensiv mit ihr zu befassen. Dabei kamen die folgenden Fragen auf: Was erreichen die Kirchenbanktafeln? Welche Zielgruppe kann mit so präsentierten Zitaten ohne genügende Einordnung etwas anfangen? Setzt die Auseinandersetzung mit diesen Zitaten nicht ein hohes Maß an vorhandenem Geschichtswissen voraus, das der normale Besucher nicht hat und bei Kindern und Jugendlichen schon gar nicht vorausgesetzt werden kann? Gibt es ein pädagogisches Konzept für Ausstellungsführungen? (In Hamburg waren die als Führungen angekündigten Veranstaltungen Einführungen in, aber keine Führungen durch die Ausstellung!) Wäre es nicht hilfreich, wenn für alle vier Landeskirchen jeweils auf vier Stelltafeln ein Überblick zu deren Geschichte gegeben würde? Schafft die Ausstellung es tatsächlich, durch das Aufzeigen verschiedener Verhaltensweisen die Offenheit von christlich motiviertem Verhalten darzustellen? (Wenn ja, hat sie eines der Hauptziele erreicht, wenn nein, muss sie umgearbeitet werden).
Im Oktober 2002 wandert die Ausstellung noch mal in die direkte Nähe des Berichtenden: nach St. Petri im Kirchenkreis Altona. Ich bin gespannt, welchen Eindruck ich dann gewinnen werde.
Frank Omland
Nähere Informationen über die künftigen Ausstellungsorte finden sich unter www.kirche-christen-juden.org im Internet.
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