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Presseberichterstattung Alt-Hamburg
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Kirchenkreis Alt-Hamburg will NS-Zeit
aufarbeiten
Nordelbische Kirchenzeitung, 15.12.2002
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
HAMBURG Die Synode des Kirchenkreises Alt-Hamburg
hat beschlossen, das Kirchenkreisarchiv mit der Dokumentation
des Verhaltens von Pastoren und Kirchenvorständen in
der NS-Zeit zu beauftragen. Zu diesem Zweck sollen die Archive
der einzelnen Gemeinden des Kirchenkreises durchgearbeitet
werden. Die Ausstellung Kirche-Christen-Juden in Nordelbien
1933-1945, die Anfang 2002 in der Hauptkirche St. Petri
zu sehen war, hatte große Aufmerksamkeit erregt und
immer wieder Fragen nach der NS-Geschichte einzelner Kirchengemeinden
oder Pastoren aufkommen lassen. Diesen Fragen soll nun auf
den Grund gegangen werden. Die Arbeit soll bis Ende 2005 mit
einer wissenschaftlichen Publikation abgeschlossen werden.
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Prediger des Hasses
Die Zeit,
17. Januar 2002
von Volker Ulrich
Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945 heißt
ein wenig arg harmlos eine Ausstellung, die derzeit in der
Hauptkirche St. Petri an Hamburgs Mönckebergstraße
gezeigt wird. Denn sie birgt durchaus Brisantes. Zum ersten
Mal stellt sich eine Landeskirche öffentlich einem lange
tabuisierten Thema: der Beteiligung der Kirchen an der Ausgrenzung
und Verfolgung der Juden in der NS-Zeit.
Wie Pastoren sich schon in der Weimarer Republik sich der
NSDAP anschlossen und von der Kanzel Judenhass predigten,
wie sie nach 1933 Christen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft
ausschlossen und zu Deportation und Vernichtung schwiegen,
das wird hier anhand einzelner Lebensläufe verdeutlicht.
Einen Extremfall stellt zweifellos der Segeberger Probst
Ernst Szymanowski dar, der seinen Talar mit der SS-Uniform
vertauschte und als Leiter eines Einsatzkommandos in der Ukraine
für die Ermordung Tausender Juden verantwortlich war.
Neues Licht fällt auf die Rolle des Landesbischofs Franz
Tügel, auch er bekennender Nationalsozialist und Antisemit,
der sich dennoch in Einzelfällen für Menschen einsetzte,
die von den Nürnberger Gesetzen betroffen waren
eine gespaltene Persönlichkeit.
Erschreckend zu erfahren, dass auch Mitglieder der Bekennenden
Kirche die staatliche Judenverfolgung rechtfertigten. Umso
leuchtender hebt sich das Beispiel der Lehrerin und wahren
Christin, Elisabeth Flügge, ab, die jüdischen Schülerinnen
der Privatschule Hamburg-Harvestehude half, wo sie nur konnte.
(Bis zum 4. Februar, anschließend an weiteren Orten
Norddeutschlands, Info: 0431-64 98 60).
V.U.
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Nicht gelungen
Nordelbische Kirchenzeitung, 10. März 2002
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
Leserbriefe
zu NEZ Nr. 4/02, Seite 3: Wehret den Anfängen
Ausstellung zum Thema Kirche, Christen, Juden
in Nordelbien 1933-1945
Die von der Synode der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche (NEK)
beschlossene, vom Kirchenamt gestaltete und in der Hamburger
Petrikirche eröffnete Wanderausstellung zum Thema Kirche,
Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945 wurde von der
Kirchenzeitung positiv dargestellt. Zu dieser Einschätzung
hat vermutlich das Selbstlob nordelbischer Funktionsträger
nicht unerheblich beigetragen.
Diese Einstimmung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen,
dass die Ausstellung nach Konzeption und Präsentation
im Wesentlichen nicht gelungen ist. Die Auswahl der Exponate
ist sehr begrenzt, der mit der Thematik nicht so vertraute
Besucher erfährt keine für ihn hilfreichen Informationen,
die Wege, die ihn die Ausstellung ertragreich begehen lassen
könnten, werden nicht klar aufgezeigt. Die Auswahl
der auf den Kirchenbänken chronologisch angebrachten
Äußerungen und Textpassagen von 1933 bis 1945 sowohl
regionaler wie auch reichsweiter Provenienz wird weder begründet
noch erläutert. Struktur und theologische Relevanz der
Zitate bleiben undeutlich, Hintergrundinformationen werden
nicht gegeben.
Für den mit dem Thema nicht näher Vertrauten wird
mit diesen Texten ein Datenwust ausgebreitet, der für
sich keinen Erkenntnisgewinn bringt. Der Besucher hätte
ein Anrecht darauf, die Kriterien zu erfahren, die zu dieser
Auswahl geführt haben. Sie erweckt überdies für
den Kundigen den Eindruck, dass für die Kirche unangenehme
Zitate absichtlich nicht gezeigt werden. Die chronologische
Begrenzung der auf den Kirchenbänken rechts vom Eingangsportal
gezeigten Übersicht auf den Zeitraum 1933 bis 1945 ist
ganz und gar unprofessionell, denn die Irrwege der Ev.-Luth.
Kirche hatten lange vor 1933 ihren Anfang und waren (und sind?)
mit dem Datum 1945 nicht beendet. Als einzig positiv
zu vermerken ist die Tatsache, dass sich die NEK überhaupt
mit dem Thema befasst hat.
Das von der NEK vorgegebene Rahmenprogramm weist neben kompetenten
Referenten wie z. B. Dr. Ursula Büttner von der Forschungsstelle
für Zeitgeschichte auch den Namen Dr. Manuel Ruoff auf,
der als Biograph Tügels bezeichnet wird.
Seine von der NEK finanzierte Publikation über Franz
Tügel ist jedoch völlig unkritisch und für
die Aufarbeitung der Irrwege der Kirche im Nationalsozialismus
nicht geeignet. Die Finanzierung der Publikationen Ruoffs
durch die NEK erscheint als der Versuch der NEK, sich der
kritischen Befassung mit demjenigen kirchlichen Funktionsträger
zu entziehen, der in seiner Person die Irrwege und Irrtümer
der Kirche geradezu exemplarisch verkörpert hat, Landesbischof
Franz Tügel.
Dr. Uwe Schmidt, Großhansdorf
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Rückblick ohne Tabu
Nordelbische Kirchenzeitung, 20.01.02
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
HAMBURG Hier passiert etwas, was nur sehr selten
passiert, sagt Publizist Ralph Giordano über die
nordelbische Wanderausstellung Kirche, Christen und
Juden in Nordelbien 1933-1945, die derzeit in der Hamburger
Hauptkirche St. Petri zu sehen ist. Selten zuvor habe er erlebt,
dass eine Institution wie in diesem Fall ohne
jedes Tabu mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehe.
Die Ausstellung, die im Auftrag der Nordelbischen Synode
von dem unabhängigen Historiker Stephan Linck erstellt
worden ist, lässt keinen Zweifel daran, dass die Kirche
in Hamburg und Schleswig-Holstein in der Zeit des Nationalsozialismus
versagt hat: Es gibt eine kirchliche Mittäterschaft bei
der Judenverfolgung lautet das Eingeständnis, das die
Ausstellung ohne jede Relativierung macht. Für Giordano,
der sich sein Leben lang mit der Aufarbeitung der Nazizeit
beschäftigt hat, ist diese offensive Art der Vergangenheitsbewältigung
höchster Anerkennung wert. Bei seinem Ausstellungsrundgang
entdeckte er unter den dargestellten neun Biographien aber
auch ein vertrautes Gesicht aus seiner Kindheit in Hamburg.
Mehr über die Ausstellung in der St. Petrikirche und
ihren prominenten Besucher lesen Sie auf Seite 3.
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AUSSTELLUNG Kirche, Christen und Juden in Nordelbien
1933 1945. Für Ralph Giordano war der Ausstellungsbesuch
in der Hamburger Hauptkirche St. Petri eine Reise in die eigene
Vergangenheit
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Wehret den Anfängen
Nordelbische Kirchenzeitung, 20.01.02
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
VON CARSTEN SPLITT
HAMBURG - Spät, aber nicht zu spät,
nennt Schriftsteller Ralph Giordano die Aufarbeitung der nationalsozialistischen
Vergangenheit, die die nordelbische Kirche derzeit mit ihrer
Wanderausstellung Kirche, Christen und Juden in Nordelbien
1933-1945 betreibt. Die Ausstellung, die noch bis zum
4. Februar in der Hamburger Hauptkirche St. Petri zu sehen
ist, stellt Biografien von Tätern und Opfern im Umfeld
der damaligen drei norddeutschen Landeskirchen dar. Sie war
1998 im Anschluss an eine Schulderklärung von der nordelbischen
Synode in Auftrag gegeben worden und ist im vergangenen Jahr
in Rendsburg erstmals der Öffentlichkeit präsentiert
worden.
Bei ihrer Station in Hamburg weckte die von Historiker Stephan
Linck erstellte Wanderausstellung nun das Interesse des vielfach
ausgezeichneten Publizisten Ralph Giordano, der als Sohn eines
jüdischen Musikerehepaares selbst unter nationalsozialistischer
Ausgrenzung und Verfolgung zu leiden hatte. Die mangelhafte
Aufarbeitung der deutschen Schuld der NS-Zeit und der Kampf
gegen rechtsradikale Tendenzen in Deutschland ist für
ihn zum Lebensthema geworden.
Ich habe mich mein ganzes Leben hindurch mit der Aufarbeitung
der NS-Zeit beschäftigt, blickt der Zeitzeuge zurück.
Und doch sei vieles von dem, was in der nordelbischen Ausstellung
gezeigt werde, selbst für ihn neu. Das Gezeigte
kumuliert mein Wissen über diese Zeit, die ich selbst
erlebt habe, staunt Giordano.
Ralph Giordano wurde 1923 in Hamburg geboren und besuchte
später die Gelehrtenschule Johanneum. Auf der dortigen
Schulbank schloss er Freundschaft mit dem Sohn des ehemaligen
Hamburger Nazibischofs Franz Tügel, dessen
Biografie breiten Raum in der Wanderausstellung einnimmt.
Tügel personifiziert das Unrecht in der damaligen
Kirche, steht für Giordano nach der Beschäftigung
mit den in St. Petri ausgestellten Dokumenten und Zeitzeugnissen
fest.
Seinen Sohn Peter habe ich aber schon damals als Antinazi
kennen gelernt. Er ist immer mein Freund geblieben,
bekräftigt der Grimme-Preisträger. Vielleicht sei
gerade dies das Perfide am nationalsozialistischen System
gewesen, dass es bei vielen Menschen eine private, humane
und eine politische, inhumane Linie geprägt habe, sucht
Giordano angesichts dieser Konstellation aus Freundschaft
und Erschrecken nach Erklärungen. Durch die Ausstellung
sei er über Tügels Leben neu in Kenntnis gesetzt
worden.
Giordano selbst hatte das Kriegsende nur erlebt, weil seine
Familie von einer Hamburgerin im Keller versteckt worden war.
Dem Versuch einer Gruppe Erwachsener, ihn mit Steinen zu erschlagen,
entging er im Oktober 1943 nur durch das beherzte Einschreiten
einiger Umstehender.
Wenn ein kriminelles System sich erst einmal etabliert
hat, ist es zu spät, warnt Giordano angesichts
dieser Erfahrungen. Wehret den Anfängen,
lautet seine Botschaft, die er der jungen Generation mit auf
den Weg geben will. Angstfrei leben zu können sei keine
Selbstverständlichkeit, sondern ein hohes Gut, das es
zu schützen gelte. Die christliche Kirche habe das damals
trotz besseren Wissens verpasst.
Der Nationalsozialismus war kein Betriebsunfall, der
zufällig in der deutschen Geschichte eingetreten ist,
stellt Giordano fest. Vielmehr habe es eine kollektive Zustimmung
zu einem kriminellen System gegeben, die heute niemand mehr
wahrhaben wolle. Umso mehr habe ihn die Ausstellung angerührt.
Hier geschehe etwas, was sehr selten geschehen sei: Die Kirche
versuche, den äußerst schmerzlichen Wahrheiten
ihrer Vergangenheit auf den Grund zu kommen. Es gebe kein
Tabu und gerade diese Offenheit mache die Ausstellung
zu etwas ganz Besonderem.
Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 1945,
Hauptkirche St. Petri (Mönckebergstraße), tägl.
10-17 Uhr. Infos zum Begleitprogramm s. u. sowie unter Tel.
040/3257400.
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Die nordelbische Landeskirche zeigt als erste evangelische
Kirche Deutschlands in einer mutigen Ausstellung, wie sehr
sie die NS-Judenverfolgung stützte. Nach dem Krieg sollten
die verstoßenen Christen jüdischer Abstammung als
Erstes ihre während der Nazizeit nicht gezahlte Kirchensteuer
nachreichen
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So blond wie der arische Galiläer
Jesus
die tageszeitung,
19./20. Januar 2002
Mit freundlicher Genehmigung der taz - die tageszeitung
Von Philipp Gessler
So sicher wie das Amen in der Kirche? Wer dieser Tage den
Weg in die Hauptkirche St. Petri am Hamburger Einkaufsboulevard
Mönckebergstraße findet, wird zögern, künftig
diese Redewendung in den Mund zu nehmen. Denn vor 60 Jahren
gab es in der evangelischen Kirche starke Bestrebungen, das
"Amen" zu verbieten: In einem "entjudeten"
Gesangbuch von 1941 wurde der Kirchenhit "Großer
Gott, wir loben dich" von den Worten "Amen",
"Halleluja" und "Hosianna" gesäubert:
Hebräische Worte durfte es in einem deutschen Kirchenlied
nicht geben.
Die bahnbrechende Ausstellung "Kirche, Christen, Juden
in Nordelbien 1933-45", die im eindrucksvollen Kirchenschiff
neben die schweren Kirchenbänke und auf deren Gebetbuchablagen
platziert wurde, liefert solche erstaunlichen Erkenntnisse.
Vor knapp vier Jahren beschloss die Synode, also die Basis,
der nördlichsten evangelischen Kirche Deutschlands, ihre
eigene dunkle Geschichte in der Nazizeit zu thematisieren.
Es ging darum, die Schuld ihrer Gemeinschaft bei der Judenverfolgung
zu dokumentieren - ein Wagnis, vor dem alle anderen Kirchen
der Bundesrepublik seit mehr als 55 Jahren zurückschrecken.
Warum? Weil, wie die Ausstellung zeigt, wie die damals noch
vier Kirchen der heute nordelbischen Landeskirche in einem
unglaublichen Maß am Holocaust beteiligt waren. "Die
Mehrheit der Kirche", so heißt es in der Schau
tapfer, "unterstützte die Verfolgung der Juden."
Von notgedrungener Hinnahme der NS-Judenpolitik durch die
Kirche kann keine Rede sein. Im Gegenteil.
So endete etwa die "braune Synode" der schleswig-holsteinischen
Kirche am 12. September 1933 mit einem "Sieg Heil"
und dem "Horst-Wessel-Lied". Bis auf die Hamburger
schlossen alle drei Landeskirchen Nordelbiens ihre "nichtarischen"
Pastoren, später alle Mitglieder auch nur entfernt jüdischer
Abstammung aus - diesen Hintergrund hatten in Schleswig-Holstein
und in der Hansestadt 1939 immerhin knapp 8.000 Christinnen
und Christen. Damit verloren sie den letzten Schutz vor der
Deportation. Schlimmer noch, die schleswig-holsteinische Kirche
rühmte sich in einer Werbeschrift, nur über den
Rückgriff auf ihre Kirchenbücher könnten Ariernachweise
erstellt werden: Und durch die allein sei schließlich
"die Durchsetzung der notwendigen bevölkerungspolitischen
Aufgaben" möglich. Sie stelle sich "freudig"
in den Dienst dieser Sache, warb die Kirche für sich.
Solcher Antisemitismus fußte auf einer Theologie, die
in der Regel seit fast 2.000 Jahren antijudaische Tendenzen
in sich trug. Die antisemitischen "Deutschen Christen"
erhielten bei den Kirchenwahlen 1933 etwa 70 Prozent der Stimmen.
Die Ausstellung zeigt ein Foto von der Landessynode der Hamburgischen
Kirche vom 5. März 1934. Sie glich einem Parteitag: Ein
Kreuz ist nirgends zu sehen. Vor der Hakenkreuzfahne aber
steht der Synodenpräsident in SS-, der gerade gewählte
Landesbischof Franz Tügel in Parteiuniform.
Gerade Tügel, der wie acht weitere Persönlichkeiten
der Kirche in der Ausstellung noch einmal eingehender beschrieben
wird, ist eine schillernde Gestalt. Einerseits setzte er sich
für Pastoren und Christen "nichtarischer" Herkunft
ein. Andererseits war er Parteimitglied seit 1931 und rühmte
sich privat, schon immer Antisemit gewesen zu sein, ja bereits
als Knabe Juden verprügelt zu haben. Einer der prägenden
Gestalten der regimekritischen "Bekennenden Kirche"
in Nordelbien, Wilhelm Halfmann, rechtfertigte die Judenverfolgung
und beschrieb das Judentum als "Zersetzungsstoff für
die christlichen Völker". Die "Bekennende Kirche",
die Märtyrer wie den Theologen Dietrich Bonhoeffer in
ihren Reihen hatte und nach dem Krieg von Kirchenoberen stets
als Beweis für die Oppositionskraft der Kirche im Nazireich
gepriesen wurde, tat für die Juden zumindest öffentlich
so gut wie nichts, wie die Ausstellung belegt.
Die "freudige" Anpassung der Kirche an die Nazis
ging so weit, dass in Eisenach ein theologisches Institut
mit 50 Professoren gegründet wurde, das dazu dienen sollte,
das "Jüdische" aus dem Christentum wegzuinterpretieren
- eine absurde Veranstaltung. Da wird der jüdische Rabbiner
Jesus von Nazareth zum "arischen Galiläer"
verfälscht, der gar blond gewesen sein soll. Selbst die
Heilige Schrift, Grundpfeiler des Protestantismus seit Luther,
wurde im "arischen" Sinne redigiert, projüdischer
Text gestrichen.
Natürlich gab es auch Pastoren die Widerstand leisteten.
Aber ihre Zahl war mehr als gering, ihre Unterstützung
auch von der Basis minimal. Als nach Einführung des "Judensterns"
klar wurde, dass noch getaufte Juden in den Kirchenbänken
saßen, protestierte das einfache Kirchenvolk dagegen,
dass man neben "Nichtariern" seine Kommunion erhalte.
Und nach dem Krieg? Der Pastor und spätere Propst Ernst
Szymanowski war während des Krieges Leiter einer "Einsatzgruppe"
an der Ostfront und wurde für den Tod von mindestens
3.000 Menschen für schuldig befunden: Ab 1958 fand er
wieder Anstellung bei der Kirche, deren Einsatz ihn auch frühzeitig
aus dem Knast gebracht hatte. Noch im berühmten "Stuttgarter
Schuldbekenntnis" vom Oktober 1945 log die Kirche, sie
habe "lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen
den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment
seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat". Doch nicht
wegen der Lüge bekämpften viele Protestanten das
"mea culpa" sondern weil ihnen das Schuldbekenntnis
zu weit ging. Immerhin, die überlebenden "nichtarischen"
Christen wurden nach dem Krieg wieder in den Schoß der
Kirche aufgenommen. Das erste Kirchenschreiben, das viele
nach 1945 empfingen, war die Aufforderung, ihre während
der Nazizeit nicht gezahlte Kirchensteuer nachzureichen.
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Nordelbische Kirche stellt sich zum ersten Mal ihrem Verhalten
im NS
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Zwischen Mitlaufen und Vorausrennen
die tageszeitung
Nr. 6646 vom 10.1.2002
Mit freundlicher Genehmigung der taz - die tageszeitung
Von Sandra Wilsdorf
Laute oder stille Ablehnung, keine Position, stille oder
offene Zustimmung, Mord: Die Menschen hatten Spielräume
in ihrem Verhalten zur Politik der Nazis. Zum ers-ten Mal
seit 1945 stellt sich nun eine Landeskirche der Tatsache,
diese nicht genutzt zu haben. Stattdessen haben evangelische
Kirchen "nicht-arische" Gemeindemitglieder ausgeschlossen,
zu Deportationen geschwiegen, und aus etlichen Würdenträgern
wurden Mörder. Die Kirchen befreiten sich von Judaismen,
"ein Hamburger Pastor verbannte sogar das Amen",
sagt Historiker Stefan Linck.
Im Auftrag der Nordelbischen Kirche hat er die Wanderausstellung
"Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945"
konzipiert, die noch bis zum 4. Februar in der Petri-Kirche
zu sehen ist. Sie zeigt, wie Kirchenmenschen mitgelaufen,
vorausgerannt oder vorsichtig gegenan gegangen sind.
Jahrzehntelang hat die Kirche lieber über Widerstandskämpfer
wie Dietrich Bonhoeffer geredet. "Die traurige Wahrheit
ist, dass das absolute Ausnahmen waren", sagt Linck.
Er zeigt deshalb jetzt den ehemaligen Segeberger Probst Ernst
Szymanowski, der seinen Talar mit der SS-Uniform tauschte:
Schon 1926 trat er in die NSDAP ein. 1941 wurde er Leiter
der Gestapostelle Oppeln und verantwortete dort auch Judendeportationen.
Ein Jahr später wurde er Chef des Einsatzkommandos 6
in der Ukraine und befahl dort die Ermordung von mindestens
3000 Menschen.
Ein US-Militärgericht verurteilte Szymanowski 1948 zum
Tode, was später in lebenslänglich umgewandelt wurde.
In den 50er Jahren setzt sich die schleswig-holsteinische
Landeskirche für ihn ein: 1957 wurde Szymanowski entlassen
und bekam auch gleich einen Job in der Neumünsteraner
Kirchenverwaltung. Er starb 1986.
Und es gab den Landesbischof Franz Tügel. Auch der wurde
bereits 1931 NSDAP-Mitglied und unterstützte bis zum
Ende deren Kriegsführung. Aber er weigerte sich auch,
widerständige Pastoren zu denunzieren, und setzte sich
für einen Pas-tor ein, dem wegen 37,5 Prozent "jüdischen
Blutes" das Schulgeld für die vier Kinder drastisch
erhöht werden sollte. "Er hatte eine privat humane
und politisch inhumane Persönlichkeit", sagt der
Publizist Ralph Giordano, der mit Tügels Sohn Peter in
eine Klasse gegangen ist. "Peter war und ist mein Freund",
sagt Giordano, den die Ausstellung anrührt, "weil
sie ohne Tabu versucht, der äußerst schmerzhaften
Wahrheit auf den Grund zu kommen".
Bei aller Unterstützung durch die Kirche ist Linck bei
seinen Recherchen nicht gerade auf Jubel gestoßen: "Es
war eher ein es-muss-wohl-sein-Seufzen." Kirche sei ein
Raum gewesen, der nicht verparteilicht war, "kein Pastor
war dazu gezwungen, von der Kanzel aus gegen Juden zu hetzen,
wenn er es doch getan hat, dann aus freien Stücken".
Um die Spielräume darzustellen, zeigt die Ausstellung
neben Bekennern zu einem liberalen Protestantismus wie Hermann
Mulert aber auch Menschen wie Elisabeth Flügge. Die Hamburger
Lehrerin hatte 1933 und 1934 Artikel in eine Kladde geklebt,
die Überschriften wie "Das erste Konzentrationslager
eröffnet" trugen. Die Historikerin Rita Bake hat
aus den Heften jetzt eine Dokumentation für die Landeszentrale
für politische Bildung gemacht.
Die längst überfällige und sehr sehenswerte
Wanderausstellung ist bereits bis 2004 ausgebucht, so groß
ist das Sehnen nach der Wahrheit. "Warum erst jetzt?",
fragt Eleonore Rudolph vom Vorbereitungsausschuss der Nordelbischen
Synode, und antwortet: "Seit zwei bis drei Jahrzehnten
bemüht sich die evangelische Kirche, das Verhältnis
der Christen zu den Juden neu zu gestalten." Denn es
sei der Antijudaismus der vergangenen 2000 Jahre gewesen,
der letztlich zum Antisemitismus geführt habe.
Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17 Uhr. Führungen
dienstags und donnerstags ab 15 Uhr, sonntags ab 11.30 Uhr
und auf Anfrage. Außerdem gibt es ein Rahmenprogramm,
beispielsweise heute ab 19.30 Uhr einen Vortrag über
Franz Tügel, am 26. Januar liest Manfred Steffen aus
dem Johannes-Evangelium von Walter Jens. Infos: Tel.: 32 57
40 0.
taz Hamburg Nr. 6646 vom 10.1.2002,
Seite 22, 57 Zeilen (TAZ-Bericht), Sandra Wilsdorf
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Die Kirchen am Pranger
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Ausstellung über NS-Vergangenheit
in St. Petri
Hamburger Morgenpost
vom 07.01.2002
Mit freundlicher Genehmigung der Hamburger
Morgenpost
Ein Pastor als früher Wegbereiter des Nationalsozialismus,
der Landesbischof als bekennender Antisemit, ein Probst als
Denunziant - die Nordelbische Kirche hat wie viele andere
während des Nazi-Regimes schwere Schuld auf sich geladen.
Doch statt die Vergangenheit totzuschweigen, hat sie als erste
Landeskirche Deutschlands ihre braune Geschichte thematisiert.
Herausgekommen ist eine multimediale Ausstellung von Zeitdokumenten,
die an exponierter Stelle gezeigt wird: in der Hauptkirche
St. Petri an der Mö. Und der Segen kommt von höchster
Stelle: Bischöfin Maria Jepsen eröffnete sie gestern
mit einem Gottesdienst. "Wir wollen unsere Ausstellung
nicht verstecken", so Jepsen. "Es ist die Aufgabe
der Kirche, sich auch den schwierigen Fragen zu stellen und
für Versagen die Vergebung Gottes zu erbitten."
Die Ausstellung zeigt anhand der Lebensgeschichten von Hamburger
Christen die ganze Palette typischer Haltungen zu den Nazis:
Mittäterschaft aber auch Widerstand, Duldung und Wegsehen.
Da ist etwa Franz Tügel aus Wandsbek. Er war seit 1919
Pastor in St. Pauli und bereits 1931 Mitglied der NSDAP. 1934
wurde er Landesbischof von Hamburg und Hauptpastor von St.
Jacobi. Tügel rechtfertigte den Antisemitismus. Bei seiner
Ernennung zum Bischof trug er die Partei-Uniform der NSDAP.
In seiner neuen Machtposition ordnete er die Landeskirche
neu - nach "Führerprinzip", so dass alle wichtigen
Entscheidungen ihm vorbehalten waren.
Ein anderer Fall: Arthur Goldschmidt, seit 1902 Hamburger
Amtsrichter. Er selbst war als Junge getauft worden und heiratete
eine (ebenfalls getaufte) Jüdin. 1933 wurde er entlassen
und schlug sich als Maler durch. Als seine Frau Kitty 1942
starb, verweigerte der Reinbeker Pastor die Beerdigung. Begründung:
"nicht arisch". Die Goldschmidts waren wie alle
"nichtarischen" Christen aus der Landeskirche ausgeschlossen
worden. Einen Monat nach dem Tod seiner Frau wurde Goldschmidt
nach Theresienstadt deportiert. Zwar überlebte er, doch
er starb bereits 1947.
Sandra Schäfer
"Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933-45"
noch bis 4. Februar täglich 10 bis 17 Uhr.
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Die Mitschuld der norddeutschen Christen an der Verfolgung
der Juden in der NS-Zeit ist Thema der Ausstellung "Kirche,
Christen und Juden in Nordelbien 1933 bis 1945".
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Ausstellung zum Verhalten der Kirche
in der Nazi - Zeit startet
Hamburger Morgenpost
vom 04.01.2002.
Mit freundlicher Genehmigung der Hamburger
Morgenpost
Hamburg - Hamburgs evangelisch-lutherische Bischöfin
Maria Jepsen eröffnet die Präsentation an diesem
Sonntag um 10 Uhr in der Hauptkirche St. Petri (Mönckebergstrasse).
Thematisiert werden "Mittäterschaft, Widerstand,
Duldung und Wegsehen" seitens der evangelischen Kirche,
heißt es in der Ankündigung. Die bis zum 4. Februar
laufende Schau war bereits in Rendsburg und Lübeck zu
sehen.
Die mit zahlreichen Vorträgen ergänzte Wanderausstellung
ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes, das die Synode
der nordelbischen Kirche in Auftrag gegeben hatte. 2001 hatte
sich das nordelbische Kirchenparlament zur Mitschuld an der
Judenverfolgung bekannt. Christen seien zu selten eingeschritten,
wenn Andersgläubige diskriminiert oder ermordet wurden,
die Kirche habe schwere Schuld auf sich geladen, hieß
es in der Erklärung.
Anhand von neun christlichen Biografien wird in der Ausstellung
gezeigt, wie das Schicksal von Christen und Juden in der Nazizeit
miteinander verwoben war. In Form audiovisuell gestalteter
Stationen treten unter anderem auf: Der Pastor als früher
Wegbereiter des Nationalsozialismus, der Landesbischof als
bekennender Antisemit oder die evangelische Lehrerin Elisabeth
Flügge, die ihre jüdischen Schüler schützte.
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Nordelbische Kirche und Nazi - Regime
Hamburger Morgenpost
vom 03.01.2002.
Mit freundlicher Genehmigung der Hamburger
Morgenpost
Altstadt " Der Pastor als Wegbereiter des Nationalsozialismus,
der Landesbischof als Antisemit " lange haben die Kirchen
über ihre Verstrickungen mit dem Nazi-Regime geschwiegen.
Die Nordelbische Kirche in Hamburg ist mutig: Sie zeigt Zeitdokumente
in einer Ausstellung ab 6. Januar in St. Petri (Mö).
Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
Bischöfin Maria Jepsen eröffnet die Ausstellung
am kommenden Sonntag um 10 Uhr mit einem Gottesdienst.
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| Copyright 2001 | Nordelbisches Kirchenamt
- Archiv - | Postfach 3449 | 24033 Kiel
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