Gedenktafel
Dass die Kirchen im Dritten Reich viel Schuld auf sich geladen
haben, ist sehr zögerlich eingestanden worden. Zu den
Opfern gehörten Pastor Bothmann und seine Frau
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Erbe der Vergangenheit
Nordelbische Kirchenzeitung Nr. 28, 07.07.02002
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
von Detlev Mücke
HAMBURG Es gibt kein wirklich passendes Wort, dass
die Versuche, sich dem Erbe der Vergangenheit zu stellen,
treffend bezeichnet. Weder Wiedergutmachung noch
Vergangenheitsbewältigung sind stimmig. Wiedergutmachen
kann man Tod, Schmerzen, Demütigungen nie und die Vergangenheit
ist nicht ungeschehen zu machen. Alle Versuche sind unzureichend.
Dennoch ist es zu begrüßen, wenn auch sehr
spät, was gerade im Fall der Kirche sehr bedauerlich
ist Menschen oder Institutionen ihre Schuld bekennen
und Zeichen setzen.
Im Kirchenkreis Stormarn, speziell in Wandsbek, gibt es einen
besonderen Fall des Fehlverhaltens im Dritten Reich und des
mangelnden Mutes und was noch schlimmer ist: der fehlenden
Scham, des fehlenden Schuldbewusstseins nach dem Zusammenbruch.
Pastor Bernhard Bothmann wirkte an der Kreuzkirche in Wandsbek.
Da er mit einer Christin jüdischer Herkunft verheiratet
war, wurde er von der Kirche aufgefordert, sich im
Sinn der Nürnberger Gesetze von seiner Frau zu
trennen. Bothmann widersetzte sich diesem Ansinnen und wurde
daraufhin vom Dienst suspendiert.
Nach dem Krieg erhielt er sein Amt zurück, allerdings
ohne irgendein Wort des Bedauerns oder Entschuldigung. In
dem Schreiben ohne Anrede heißt es: Unter Aufhebung
Ihrer Versetzung in den einstweiligen Ruhestand erklären
wir uns damit einverstanden, das Sie Ihren Pfarrdienst in
der Kirchengemeinde Wandsbek wieder aufnehmen und Ihnen die
vollen Dienstbezüge gezahlt werden.
Im vergangenen Jahr schließlich bekannte sich die Kirche
zu ihrer Schuld an der Familie Bothmann. Wenn schon nicht
die christliche Gemeinde, so hatte doch wenigstens die politische
Gemeinde zuvor ein Zeichen gesetzt. Seit 1961 erinnert eine
Straße in Wandsbek an die Familie Bothmann. Da war Pastor
Bothmann schon lange tot, aber seine Witwe Emmy lebte noch
16 Jahre, bis sie 93-jährig starb.
Nach dem Schuldbekenntnis im vorigen Jahr wurde jetzt auch
von der Kirche ein sichtbares Zeichen gesetzt. Am vorigen
Sonntag übergab Bischöfin Maria Jepsen eine Gedenktafel,
die an der Kreuzkirche befestigt ist, der Öffentlichkeit.
Die Bischöfin erklärte unter anderem: Wie
verblendet waren unsere Väter und Mütter, wie verhaftet
einem Geist, der nicht von Gott kam! Wie klar war der Blick
von Pastor Bothmann und wie stark sein Glaube, seine Liebe,
seine Verantwortung vor Gott und seiner Familie, vor der Kirche
und Gesellschaft.
In ihrer Ansprache machte Maria Jepsen deutlich, dass es
bei der Anbringung der Gedenktafel vor allem auch um die Menschen
heute und in Zukunft geht: Heute wird kein Schlussstrich
gezogen. Das können wir nicht. Aber wir können uns
mahnen und stärken lassen in unserer Verantwortung Menschen
gegenüber, denen wir Unrecht getan haben, die heute noch
leiden, die heute bedroht und diskriminiert werden.
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"... judenreiner als irgendeine
andere Organisation"
Willige Verstrickung: die Evangelische Kirche und der Nationalsozialismus
ak - analyse
& kritik
Zeitung für linke Debatte und Praxis 461, 19.04.2002
Als Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm, wurde in den
Kirchen gejubelt. Später waren sie in alle Bereiche der
NS-Politik willig verstrickt. Das ging von der Überführung
kirchlicher Jugendorganisationen in die HJ und den Betrieb
eigener Zwangsarbeiterlager bis zur Aussonderung Behinderter
für die Euthanasie. Eine erdrückende kirchliche
Mehrheit, selbst gnadenlos antisemitisch, sah in Hitler den
von Gott gesandten Erfüller eigener Anliegen.
Bischof Wurm drückte seine Zustimmung zur "Judenpolitik"
der Nazis 1937 in der Stuttgarter Stiftskirche so aus:
"Die Kirche hat nicht
die Aufgabe, in die Judengesetzgebung des Dritten Reiches
einzugreifen. Vielmehr werden wir von der Kirche her aus der
bald 2000-jährigen Erfahrung sagen müssen: der Staat
hat recht ... Man braucht nur Luthers Schriften zur Judenfrage
zu lesen, um zu finden, dass das, was heute geschieht, ein
mildes Verfahren gegenüber dem ist, was Luther und viele
andere gute Christen für nötig gehalten haben."
Der kirchliche Antisemitismus wurzelt in der christlichen
Antike. Die junge Kirche beschuldigte die Juden, den Erlöser
der Menschheit ermordet zu haben. Folglich galten sie im Mittelalter
nicht wie andere Fremde als Bestien, sondern als Teufel: als
Brunnenvergifter, wenn die Pest wütete, als Mörder,
die sich am Blut geschlachteter Kinder berauschten, als Hostienschänder,
die im Wahn den Gottesmord ständig wiederholten. Die
reformatorischen Kirchen verabschiedeten sich zwar von blutigen
Mythen, kultivierten aber einen nicht minder wirksamen Antisemitismus.
Auch für sie hatten verbissene Pharisäer, rachsüchtige
Gesetzesausleger und geldgierige Judasse Christus getötet.
In den Kirchen formte sich über die Jahrhunderte ein
ewig gültiges Charakterbild von "dem Juden",
einem zu allem fähigen moralischen Unhold mit teuflischen
Zügen. So waren die Kirchentore geöffnet für
die Wahnideen des völkischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert:
für die rassische Minderwertigkeit, die Vergiftung von
Sitte und Kultur, die Gier nach Weltherrschaft, die Bedrohung
der Ordnung durch einen geldgierigen Kapitalismus und einen
besitzgierigen und Familien zerstörenden Kommunismus.
"Wir bitten Gott, den Führer
zu segnen"
Judenfeindschaft, Hass auf die gottlose Arbeiterbewegung
und völkischer Erwählungsglaube waren in den Kirchen
tief verwurzelt. So verwundert es nicht, dass die Kirchen
den völkischen Antisemitismus förderten, seine Krönung
im Nationalsozialismus als Gottes Werk begrüßten
und in Hitler den Vollstrecker christlich verpackter Rache-
und Herrschaftsfantasien erblickten.
Offenbar stieß es auf kirchliches Wohlgefallen, wie
die SA nach dem 30. Januar 1933 mit den sog. Novemberverbrechern
aufräumte, Sozialisten und Gewerkschaftler in die ersten
KZs verschleppte und öffentliche Ausschreitungen gegen
Juden organisierte. Denn am 21. März, als Hitler sein
Regierungsprogramm zum Ermächtigungsgesetz vom goldenen
Lesepult der Potsdamer Garnisonskirche, von dem sonst die
Bibel verlesen wurde, bekannt gab, verkündete der Berliner
Generalsuperintendent Dibelius zur Eröffnung des Reichstages
und am Tag nach der Errichtung des ersten KZs in Dachau über
alle deutschen Sender, "dass
die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt
nicht in den Arm fallen darf ... Wir kennen die furchtbaren
Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen
hat schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung im Lande
werde ... Wenn der Staat seines Amtes waltet gegen die, ...
die mit ätzenden und gemeinen Worten die Ehe zerstören,
den Glauben verächtlich machen, den Tod für das
Vaterland begeifern - dann walte er seines Amtes in Gottes
Namen."
Bei den Judenpogromen der SA nach der Reichstagswahl am 5.3.1933
leisteten führende Kirchenvertreter Schützenhilfe,
indem sie sich über die "Gräuelpropaganda"
der kirchlichen Auslandspresse empörten. Den telegrafischen
Hilferuf der Reichsvertretung deutscher Juden an den Evangelischen
Oberkirchenrat und an Kardinal Bertram "Die
deutschen Juden erhoffen gegenüber den gegen sie gerichteten
Bedrohungen ein baldiges Wort ..." ignorierten
beide Kirchen. Ihre Untätigkeit beruhte auf der Überzeugung,
dass Hitler Deutschland vor einem Umsturz gerettet habe, der
auf eine Verschwörung von Juden und Kommunisten zurückgehe.
Aus dieser Sicht begrüßte man die Brutalitäten
der SA als harten Schutz des Volkes durch den Staat.
"Die Juden sind das Feindvolk"
Die damals herrschende Stimmung kommt<D%0> anschaulich
in der Reaktion der Pfarrer zum Ausdruck, die sich Dietrich
Bonhoeffers Vortrag "Die Kirche
vor der Judenfrage" anhörten. Nachdem er davon gesprochen
hatte, "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden,
sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen," beendete
er seinen Vortrag vor fast leerem Saal. "Wer 1933 nicht
an Hitlers Mission glaubte, der war ein verfemter Mann, auch
in der Bekennenden Kirche", kommentierte Karl
Barth. Die angeblich oppositionelle Bekennende Kirche (BK)
bildete sich aus dem Pfarrernotbund. Dieser entstand im Protest
gegen die vom Staat nicht geforderte Übernahme des Arierparagrafen
in die Kirche. Die deutschen Christen (DC) forcierten seine
Einführung. Die BK formierte sich im Mai 1934. Aber auch
wer ihr beitreten wollte, musste in Preußen den Satz
unterschreiben: "Solches Bekenntnis
schließt ein die Verpflichtung zur Treue und Hingabe
an Volk und Vaterland."
Frühes Opfer dieser Gesinnung war ihr theologischer
Vater, Karl Barth. Er war Sozialdemokrat, verweigerte den
deutschen Gruß und den beamtlichen Treueid. Schnell
waren sich die Organe der BK einig,
"dass gegenwärtig Barth die größte Gefahr
für die Deutsche Evangelische Kirche ist".
Anders als Barth und Bonhoeffer sah die große Mehrheit
der BK nicht im NS-Staat als solchen das zu bekämpfende
Übel, sondern in seiner neuheidnischen Religiosität.
Nicht wenige betrachteten den völkischen Germanenkult
des deutschgläubigen Flügels der NSDAP um Rosenberg,
Himmler, Streicher und Heß als "religiösen
Bolschewismus". Sie setzten auf den Flügel des "positiven
Christentums" um Hitler, Frick, Kerrl und Göring.
Nicht umsonst wählte die BK Bischof Marahrens zu ihrem
Führer. Er war mit dem für Kirchenfragen zuständigen
Innenminister Frick persönlich befreundet. Die Reichsleitung
der NSDAP stellte fest: "Amtswalter
der NSDAP dürfen der BK angehören."
Kein Wunder. Denn nachdem die DC Ende 1933 rasch zerfiel und
Hitlerfreund Reichsbischof Müller den Arierparagrafen
zurücknahm, triumphierte die BK, dass "ungezählte
treue Nationalsozialisten ... treu zu ihrem Führer und
ihrer Kirche stehen, ohne dabei die Führung Hossenfelder
(Führer der DC) anzunehmen."
Nach der Reichspogromnacht schwiegen alle kirchliche Organe.
Der Bischof der sog. intakten württembergischen Landeskirche
Wurm schrieb am 6.12.1938 an Reichsjustizminister Gürtner:
"Ich darf aus einer langjährigen
Erfahrung sagen, dass es kaum einen Stand geben dürfte,
der von jüdischem Wesen sich so frei gehalten hat ...
wie der evangelische Pfarrerstand ... Ich bestreite mit keinem
Wort dem Staat das Recht, das Judentum als ein gefährliches
Element zu bekämpfen." Einer der wenigen,
der gegen den mörderischen Terror der Reichsbrandnacht
ein unzweideutiges Wort predigte, war Pfarrer von Jan im württembergischen
Oberlenningen. Die Kirchenleitung versuchte vergeblich, ihn
zum Widerruf zu bewegen. Sie kürzte dann sein Gehalt.
Von Jan wurde von der SA vor seinem Haus zusammengeschlagen,
später zu 16 Monaten Gefängnis und fünf Monaten
Strafhaft verurteilt. Er starb nach dem Krieg an den Folgen
der Haft.
Kirchlicher Protest regte sich auch nicht gegen den Krieg
und gegen die immer brutalere Verfolgung der Juden. Der Krieg
wurde bejubelt und die Judenchristen aus den Kirchen gedrängt.
Ab dem 30. Januar 1939 kündigte Hitler wiederholt "die
Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" für
den Fall eines Weltkrieges an. Die Junge Kirche, das Organ
der BK, erklärte zum 50. Geburtstag Hitlers:
"Die Gestalt des Führers hat auch für die Kirche
eine neue Verpflichtung heraufgeführt. Der Christ, der
das Walten der Vorsehung in den Wandlungen der Weltzeit spürt,
vernimmt den Anruf treuer zu glauben, inniger zu lieben, stärker
zu hoffen, fester zu bekennen ... Wir bitten Gott, den Führer
zu segnen." Nach dem Überfall auf Polen hieß
es in einer Kanzelabkündigung des Evangelisch-Lutherischen
Kirchenrates München zum Erntedankfest:
"Wir danken ihm, dass er unseren Waffen einen schnellen
Sieg gegeben hat, ... dass uralter deutscher Boden zum Vaterland
heimkehren durfte ... Und mit dem Dank gegen Gott verbinden
wir den Dank gegen den Führer und seine Generäle."
Die Kirchenkanzlei, die offizielle Vertretung der Deutschen
Evangelischen Kirche, forderte am 22.12.1941:
"Den Durchbruch des rassischen Bewusstseins in unserem
Volk ... hat die Ausscheidung der Juden aus der Gemeinschaft
der Deutschen bewirkt ... Wir bitten daher im Einvernehmen
mit dem Geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen
Kirche die obersten Behörden, geeignete Vorkehrungen
zu treffen, dass die getauften Nichtarier dem kirchlichen
Leben der deutschen Gemeinde fernbleiben. Die getauften Nichtarier
werden selbst Mittel und Wege suchen müssen, sich Einrichtungen
zu schaffen, die ihrer gesonderten gottesdienstlichen und
seelsorgerlichen Betreuung dienen können".
Einen Protest von Bischof Wurm beantwortete der Geistliche
Vertrauensrat erst dreieinhalb Monate später: "Das
Judentum ist für uns Deutsche ohne Frage Feindvolk. Auch
von den in Deutschland lebenden Juden ist mit Sicherheit anzunehmen,
dass sie einen Sieg der deutschen Waffen mit Leidenschaft
nicht wollen. Wie sollen wir uns aber im Gebet für Führer,
Heer und Volk mit denen vereinigen können, die statt
des Sieges, den wir erbitten, die Niederlage herbeisehnen."
Eine Blanko-Vollmacht für alle erdenklichen Gräuel
gegen die Juden schickte Bischof Marahrens seinem Freund,
dem Reichsinnenminister Frick: "Die
Rassenfrage ist als völkisch-politische Frage durch die
verantwortliche politische Führung zu lesen. Sie allein
hat das Recht, die notwendigen Maßnahmen zur Reinhaltung
des deutschen Blutes und zur Stärkung der völkischen
Kraft zu treffen ... Wir lehnen es als Vertreter der Evangelischen
Kirche bewusst ab, uns in diese Verantwortung einzumischen."
Klaus-Peter Lehmann
Christliche Selbstkritik
Eine Wanderausstellung der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen
Kirche "Kirche, Christen, Juden 1933-45 in Nordelbien"
zeigt anhand von zwölf Biografien die Varianten kirchlicher
Verhaltensweisen während der NS-Zeit. Es gab Mörder,
Fanatiker, Zwiespältige, Opfer und Hilfsbereite. Das
Verdienst der Ausstellung liegt darin, dass sie auf die immer
vorhanden gewesenen Entscheidungsspielräume hinweist.
Bewegend ist die Gründung einer evangelischen Gemeinde
im KZ Theresienstadt. Ein "lokales Fenster" weist
auf Geschehnisse im Umkreis des Ausstellungsortes hin.
In Hamburg ist die Ausstellung zu sehen in der Christus-Kirche
Wandsbek, Schloßstraße 78, 8.-31.5.02;
Gemeindezentrum Mümmelmannsberg, Havighorster Redder
50, 7.-30.6.02;
St. Petrikirche Altona, Schillerstraße 22, 3.10-3.11.02;
St. Pauluskirche Harburg-Heimfeld, Alter Postweg 46, 10.11.-8.12.02.
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