Bilder verzweifelter Schicksale
Nordelbische Kirchenzeitung, Nr.45, 4.11.01
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
LÜBECK Religiös verbrämter Fanatismus
in der Politik führte in den dreißiger und vierziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts in der evangelischen Kirche
zu Entscheidungen, die ihr heute leid tun. Diese Geschichte
hat die Nordelbische Kirche in einem zweijährigen Forschungsprojekt
aufgearbeitet. Das Ergebnis liegt jetzt in einer Wander-Ausstellung
vor.
Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945
wird in der Lübecker St. Marien-Kirche bis zum 6. Dezember
zu sehen sein einem traurigen Datum: Denn vor genau
60 Jahren, am 6. Dezember 1941, wurden 92 Lübecker Juden
und Jüdinnen deportiert.
In Dokumenten und Bildern geht die Ausstellung der Geschichte
der Verfolgung der Juden nach. Das Forschungsprojekt hatte
die Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche
im Anschluss an eine Schulderklärung zum 60. Jahrestag
der Reichspogromnacht in Auftrag gegeben.
Umgang mit christlichen Juden ist Schwerpunkt
Ein Schwerpunkt ist der Umgang mit den christlichen Juden
und Jüdinnen. Erzählt wird in Lübeck unter
anderem die Geschichte der jüdischen Geschwister Grünfeld
aus Lübeck. Emma Grünfeldt war Lehrerin an der Kahlhorstschule,
gehörte zur Dom-Gemeinde und besuchte die Gottesdienste
in der St. Jürgen-Kapelle. Über das Leben, Leiden
und Sterben der drei Schwestern informiert auch eine vom Kirchenkreis
herausgegebene Broschüre, die Forschungsergebnisse des
Historikers Dr. Peter Guttkuhn vorstellt.
Eröffnet wurde die Ausstellung am Reformationstag, 31.
Oktober, mit einem Gottesdienst und einer Einführung
des Historikers Dr. Stefan Linck, der die Ausstellung konzipiert
hat. Aus aktuellem Anlass hat Probst Ralf Meister zusammen
mit jüdischen und muslimischen Mitbürgern einen
ersten Rundgang unternommen.
Jiddische Lieder eines Krakauer Liedermachers
Ein besonderer Höhepunkt der Ausstellung ist ein Konzert
am Sonntag, 4. November, um 19.30 Uhr: Manfred Lemm singt
in der St. Marien-Kirche jiddische Lieder des Krakauer Liedermachers
Mordechai Gebirtig. Auch an den folgenden Sonntagen in den
Gottesdiensten und in sol genannten Mittwochsgesprächen
wird das Thema vertieft.
Die Ausstellung wird umrahmt von der seit 1991 in dieser
Zeit stattfindenden städtischen Reihe Zeit des
Erinnerns für die Zukunft. Bis zum 6. Dezember
beteiligen sich auch in diesem Jahr wieder verschiedene Organisationen
und Einrichtungen anlässlich des 9. Novembers 1938 an
Gedenk- und Aufklärungsveranstaltungen. Die Veranstaltungen
verstehen sich als ein Appell an Toleranz und Zivilcourage
im Miteinander.
So wird unter anderem in der Lutherkirche, Moislinger
Allee 90, eine ständige Fotodokumentation gezeigt (Lösch
mir die Augen aus), die an das gewaltsame Sterben von
vier Lübecker Geistlichen in der Zeit des Nationalsozialismus
erinnert (Voranmeldung unter 0451 / 86 10 49). Das Kulturforum
Burgkloster, Hinter der Burg 2-4, zeigt Aspekte jüdischen
Lebens in Lübeck (...dahin wie ein Schatten).
Dokumentiert wir die Lübecker Geschichte jüdisch-christlicher
Beziehungen von 1645 bis in die jüngere Zeit.
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 10-16 Uhr. Eintritt
fünf/drei /eine Mark. Führung nach Vereinbarung
unter 0451 / 122-41 95.
kvr/kri
Einzelveranstaltungen:
Sonnabend, 3.11., 14 Uhr ab
DGB-Haus:
Stadtrundgang Widerstand und Verfolgung.
Sonntag, 4.11. um 11.30 Uhr
Geschichtswerkstatt Herrenwyk, Kokerstraße 1-3:
Einführung in eine Fotodokumentation zur Zwangsarbeit;
um 19.30 Uhr St. Marien-Kirche: Jiddische Lieder.
Donnerstag, 8.11., 14 Uhr in
der Synagoge St. Annenstraße:
Gedenkgottesdienst; 20 Uhr Kulturforum Burgkloster: Lesung
aus Nicht ohne Hoffnung.
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