Glaubwürdig mit den Juden reden
Nordelbische Kirchenzeitung, 16. September 2001
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
von Dr. Siegfried v. Kortzfleisch
I
Nur wenige Wochen bleiben noch. Dann liegt das Thema
in Rendsburg der Synode vor:
Christen und Juden, eine lange, eine
verpasste Geschichte. Es soll endlich klar gestellt
werden, Christen, auch die in Nordelbien, suchen ein neues,
ein gutes verstehendes Verhältnis zum Judentum. Endlich.
Nach vielen Jahrhunderten voller falscher Nachreden
mit all ihren gefährlichen, oft buchstäblich lebensgefährlichen
Folgen.
Und gefährlich war es ja nicht nur für Juden. Auch
die Christen nahmen Schaden, als sie ihre jüdischen Wurzeln
verleugneten oder vergaßen. Sie entfernten sich von
ihren eigenen biblischen Urdokumenten. Zumindest ihre Glaubwürdigkeit
hatte gelitten. Und was kann es Schlimmeres geben.
Das soll, nach dem Willen der nordelbischen
Synode, anders werden. Dem diente der synodale Prozess,
der die Jahre 2000 und 2001 füllte. Sehr viele
Menschen zwischen Harburg und Flensburg haben Erkenntnisse
gewonnen, die ihnen bislang nicht vertraut waren; Erkenntnisse,
die ihnen helfen, dem jüdischen Glauben offen gegenüber
zu treten.
Sie haben nicht nur Informationen gewonnen. Das freilich
auch. (Typisch der Ausruf der Pastorin H.: Endlich habe
ich begriffen, wie tief unser Abendmahl im jüdischen
Pessachfest wurzelt). Sie haben alt überkommene
Fehlurteile revidiert. (Gott hat die Juden nicht verloren
gegeben!). Sie haben Meinungen, die schuldhaft gewirkt haben,
gegen bessere eingetauscht.
II
Das Thema war dran, die Synode hatte es so entschieden. Und
kein offen hörbarer Widerspruch dagegen kam auf. Im Gegenteil.
Seit Monaten schon verbreitet sich eine zuversichtliche Stimmung.
Man konnte prophezeien, es werde am Ende etwas Gutes aus dem
synodalen Prozess herauskommen.
Wichtige Impulse waren im Jahre 2001 vor allem von Kirchenkreissynoden
gekommen. Auffallend: Sie hielten sich mit dem noch beim Kirchentag
in Stuttgart 1999 umstrittenen Thema der Judenmission kaum
noch auf. Dass systematische und absichtsvolle
Judenmission nach der Shoa aus Gründen des historischen
Takts abzulehnen sei, das war ohnehin schon allgemeine Überzeugung
geworden. Dass man sie aber auch theologisch nicht mehr überzeugend
zu begründen vermag, das scheint sich inzwischen offenbar
ebenfalls durchzusetzen.
Auch das Nordelbische Missionszentrum in Hamburg stimmt damit
überein. Während der Sendungsauftrag der Kirche
an die Völker der Welt unbestritten bleibt, kommt für
uns Judenmission aus theologischen Gründen
nicht mehr in Frage. So beschlossen am 1. September
2000.
III
Ebenfalls unbestritten ist der Dialog
mit dem Judentum. Man müsse ihn fördern,
heißt es, und, ohne Frage, gegebenenfalls gehöre
dazu auch, dass Juden und Christen einander Auskunft geben
können oder sollen, was in ihrer jeweiligen Religion
besonders wichtig und unverrückbar ist. Unter
den Christen in diesem Dialog kommt derweil eine Faustregel
auf, die neu ist, dass sie nämlich nur reden (zeugen)
sollten, wenn Juden sie eigens danach fragen.
Und was ist mit der absoluten
Wahrheit? Dogmatiker aller Zeiten haben sie vor
sich her getragen. Sie verlangten dafür Unterwerfung.
Sie erwarteten: Friss Vogel oder.... Es war eine
christliche Denkgewohnheit, die niemandem die Freiheit ließ,
anderes zu glauben. Es scheint, als habe sie nun doch an Gültigkeit
und bedrohlicher Kraft verloren. Auch die Professoren der
Theologie in Kiel oder Hamburg, die nach ihrer Meinung gefragt
worden waren, haben sich, soweit bekannt, nicht hinter einer
absoluten Wahrheit verschanzt.
IV
In der Nordelbischen Synode besitzen die Kirchenkreise das
Recht, Anträge einzubringen. Das haben sie ausgiebig
genutzt. Deshalb wird die Beschlussvorlage einen kühnen
Vorschlag enthalten: Die Verfassung der nordelbischen Kirche
solle in ihrer Präambel
einen zusätzlichen vierten Absatz aufnehmen. Etwa so,
wie es seit 1996 in der Verfassung der rheinischen Kirche
steht: Die Kirche, heißt
es dort, bezeugt die Treue Gottes,
der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält.
Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue
Erde. Einen gleichen Schritt haben bereits etliche
andere Landeskirchen getan, so etwa die in Berlin-Brandenburg,
Pommern, Oldenburg, Rheinland, Hessen-Nassau, in der Pfalz
und die Reformierten.
Auf dergleichen hatte in Nordelbien am Anfang des synodalen
Prozesses noch kaum einer zu hoffen gewagt. Jetzt (bis
Mai 2001 eingereicht) liegen wenigstens fünf Anträge
zur Präambel vor. Von den Kirchenkreisen Süderdithmarschen,
Schleswig, Harburg, Lübeck und Stormarn. Viele andere
werden sie unterstützen.
V
Was steht noch im Weg? Eine Opposition gegen das ganze Unternehmen
ist bisher nicht zu sehen. Etwa verbliebene Bedenkenträger
sind so leise geworden, dass man sie nicht hört. Vielleicht
stolpern die Protestanten im Norden jedoch noch über
ihren eigenen großen Eifer.
Jeder Satz der Entschließung könnte hin und her
gewendet werden. Jeder Leser, wenn er ein Denker und Dichter
ist, ist fähig, einen Text noch schöner oder klarer,
vielleicht auch glatter zu bilden. Zahlreiche Theologen vor
allem stehen bereit, Wort für Wort darauf abzuklopfen,
ob es der perfekt korrekten (theologischen) Sprache entspricht.
Es ist also gar nicht schwer, das Beschlussverfahren in eine
quälende Mühsal zu überführen. Und dies
aus lauter gutwilligem Eifer.
Keinen könnte das ernsthaft erfreuen. Zumal bei diesem
Thema, Christen und Juden, das doch wahrlich empfindlich genug
ist. Die Pragmatiker kommentieren so: Wichtig
ist es, eine ehrliche, einsichtige und freimütige Erklärung
zu gewinnen. Wichtig ist es, sie einhellig zu beschließen.
Glaubwürdig und überzeugend. Dies und nur
dies sind die Christen den Juden (und sich selbst) schuldig.
VI
Und das Ziel? Juden und Christen
müssen einander künftig nicht ständig spirituell
umarmen. Ein jüdischer Gesprächspartner hat gesagt:
Ich wünsche mir für die Zukunft eine Partnerschaft
ohne Beugung. Viel ist gewonnen, wenn Christen
und Juden einander achten oder gar schätzen. Wenn nicht
mehr das Christentum das Judentum zu erdrücken droht.
Wenn die Christen vielmehr notfalls für das Judentum
eintreten. Viele Christen wollen den Juden, wenn sie mit ihnen
sprechen, frei in die Augen blicken können.
VII
Am Donnerstag, gegen Abend, das ist der 20. September, wird
in Rendsburg Jörgen Sonntag, der frühere Preetzer
Propst, die zu beratende Erklärung förmlich
einbringen. Sonntag ist Vorsitzender des dafür
eingesetzten Vorbereitungsausschusses. Diskutieren und beschließen
will die Synode schon am Freitag Nachmittag. Davor, noch am
Donnerstag Abend liegt ein für das Thema sehr wichtiges
Ereignis, die Eröffnung der Ausstellung
mit dem spröden Titel Kirche,
Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945.
Es geht um ein Dutzend Biographien aus Nordelbien. Schicksale
zwischen den beiden Religionen. Darunter der ehemalige Pastor
Horst Szymanowski, der zum Gestapochef von Oppeln wurde und
3000 Juden ermorden ließ. Und der nichtarische
Christ Arthur Goldschmidt, der eine evangelische Gemeinde
in Theresienstadt sammelte. Oder Hermann Mulert, Theologieprofessor
in Kiel, ein scharfer Gegner des Antisemitismus, der 1935
seinen Lehrstuhl verließ.
Es hat unter Hitler vielerlei gegeben. Versagen und Bewähren,
Schweigen und Widerstehen, Hinsehen und Wegsehen. Furchtbare
Schuld und rührende Hilfe. Für alles gibt es Namen
von Menschen. Am stärksten aber war das Versagen. Und
dies trägt ungezählte Namen.
Die Ausstellung erzählt davon. Sie moralisiert nicht.
Sie zeigt, auch unter Christen entscheiden die Menschen sehr
verschieden. Doch manchmal sind die Folgen verheerend. Man
muss es erinnern.
So gehört die Ausstellung über
Christen und Juden wesentlich zur Vorbereitung auf den nordelbischen
neuen Anfang im Verhältnis der Christen zu den Juden.
Sie ist eine dringend notwendige Aktion der christlichen Aufklärung.
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