THEMENSYNODE
Nordelbische Kirchenzeitung
Evangelisch-lutherisches Wochenblatt
Mit freundlicher Genehmigung der "Die
Nordelbische"
Rendsburg - Auf ihrer Themensynode
Juden und Christen hat die Nordelbische Kirche
ihr Verhältnis zum Judentum grundlegend neu bestimmt.
Wir stehen an einer entscheidenden Wende nach einer
langen Tradition des Gegeneinanders, sagte Synodenpräsidentin
Elisabeth Lingner. Es sei an der Zeit, überkommene Denkmuster,
die das Judentum verzerrten, zu überwinden und falsche
Auslegungen biblischer Texte zu revidieren. Kernstück
der Neubestimmung ist eine von der Synode mit großer
Mehrheit verabschiedete theologische Erklärung, die nicht
nur die Positionierung zum Judentum neu definiert, sondern
bis tief in das eigene Selbstverständnis der Nordelbischen
Kirche hineinreicht. Wir wollen unser Denken und Handeln
daran orientieren, dass wir von den Anfängen her mit
dem Judentum verbunden sind, bekräftigt das Grundsatzpapier,
mit dem zugleich eine Ergänzung der Nordelbischen Verfassung
in die Wege geleitet worden ist. Die Nordelbische Kirche
bezeugt die Treue Gottes, der an dem Bund mit seinem Volk
Israel festhält, soll es künftig in der Präambel
der Verfassung heißen.

THEMENSYNODE I
Nordelbische Kirche hat ihr Verhältnis zum Judentum
grundlegend neu bestimmt
Entscheidende Wende
Rendsburg Auf ihrer
Themensynode Juden und Christen hat die Nordelbische
Kirche ihr Verhältnis zum Judentum grundlegend neu bestimmt.
Wir stehen an einer entscheidenden Wende nach einer
langen Tradition des Gegeneinanders, sagte Synodenpräsidentin
Elisabeth Lingner am Ende der dreitägigen Sitzung im
Rendsburger Christophorushaus. Es sei an der Zeit, überkommene
Denkmuster, die das Judentum verzerrten, zu überwinden
und falsche Auslegungen biblischer Texte zu revidieren.
Kernstück der Neubestimmung ist eine von der Synode
mit großer Mehrheit verabschiedete theologische Erklärung,
die nicht nur die Positionierung zum Judentum neu definiert,
sondern bis tief in das eigene Selbstverständnis der
Nordelbischen Kirche hineinreicht. Wir wollen unser
Denken und Handeln daran orientieren, dass wir von den Anfängen
her mit dem Judentum verbunden sind, bekräftigt
das Grundsatzpapier, mit dem zugleich eine Ergänzung
der Nordelbischen Verfassung in die Wege geleitet worden ist.
Die Nordelbische Kirche bezeugt die Treue Gottes, der
an dem Bund mit seinem Volk Israel festhält, soll
es künftig in der Präambel der Verfassung heißen.
Damit zieht die Kirche die Schlüsse aus einem dreijährigen
Konsultationsprozess, in dem sich Christinnen und Christen
nordelbienweit des schwierigen Themas angenommen hatten. Allein
sechs Kirchenkreissynoden hatten im Laufe des Prozesses eine
entsprechende Präambelergänzung beantragt.
Deutliche Position bezieht die Nordelbische Synode auch in
der strittigen Frage der Judenmission. Wir widersprechen
allen Versuchen, die darauf zielen, Juden von ihrer Religion
abzubringen, betont die Erklärung, die damit dem
Beispiel anderer Landeskirchen folgt. Stattdessen solle die
gegenseitige Begegnung geprägt sein von Respekt
vor dem Anderssein des Anderen.
Bischofskollegium und Synode erinnerten aber auch an die
Mitschuld, die die Kirche an der Jahrhunderte langen Feindseligkeit
gegen Juden trage. Um so wichtiger sei es neu über den
christlichen Glauben zu sprechen, ohne die Juden zu schmähen.
Der Antijudaismus ist weder bei uns noch weltweit gebannt
und wir haben daran ursächlich teil. Insofern sei
die in Rendsburg verabschiedete Resolution lediglich ein Meilenstein
auf einem langen Weg.
Selten hatte synodale Arbeit einen so hohen Rang und
eine so tiefe theologische Bedeutung, hatte Propst i.R.
Jörgen Sontag bei der Einbringung der theologischen Erklärung
Christen und Juden den Synodenmitgliedern ins
Stammbuch geschrieben. Und tatsächlich führten die
Beratungen der Themensynode das verfassungsgebende Gremium
bis an die eigene Belastungsgrenze. Ging es doch um nichts
Geringeres als um die Wurzeln des christlichen Glaubens.
Darf man versuchen, Juden für den christlichen Glauben
zu gewinnen? Gibt es im Neuen Testament etwas Neues gegenüber
der alttestamentlichen Überlieferung? Und wie gehen Lutheraner
mit den offenkundigen Antijudaismen ihres Reformators um?
Allein diese Fragen, die der Bochumer Alttestamentler Prof.
Jürgen Ebach in seinem Impulsreferat aufgezeigt hatte,
ließen erahnen, welche Reichweite die zu verabschiedende
theologische Erklärung haben würde. Was die
Wahrheit ist, kann nicht mit Mehrheit entschieden werden.
Was aber gelten solle, das könne und müsse nach
freier Diskussion von der Mehrheit entschieden werden, ermunterte
Ebach die Synodalen.
Und aller Unkenrufe zum Trotz gelang es der Synode in den
teilweise bis in die späten Nachtstunden geführten
Debatten tatsächlich, die unterschiedlichen inhaltlichen
Standpunkte in einem gemeinsamen Papier zu vereinen. Die Erklärung
Christen und Juden wurde mit großer Mehrheit
verabschiedet.
Manchmal war es etwas mühsam, aber die Intensität
der Auseinandersetzung habe letztlich nur gezeigt, wie wichtig
das Thema genommen werde, resümierte Synodenpräsidentin
Elisabeth Lingner nach vollbrachter Arbeit. Auch das Bischofskollegium
zeigte sich erleichtert über das Zustandekommen der einmütig
verabschiedeten Resolution: In der gewählten Formulierung
können wir uns alle wiederfinden, auch wenn wir verschiedene
Positionen haben, sagte Bischöfin Maria Jepsen.
Der Schleswiger Bischof Hans Christian Knuth konnte dem nur
beipflichten: Am Ende einer existenziell aufwühlenden
Debatte sei keine Position ausgeschlossen worden, betont
er vor der Presse.
Bärbel Wartenberg-Potter, die nach ihrer Wahl zur Lübecker
Bischöfin erstmals an einer Synodentagung teilnahm, erinnerte
daran, dass die Präambel die Visitenkarte
der Landeskirche sei. Gerade dort müsse deutlich werden,
- wie sehr wir aus den jüdischen Wurzeln leben.
Bis die Verbundenheit mit dem Volk Israel allerdings tatsächlich
ihren Niederschlag in der nordelbischen Verfassung finden
wird, müssen sich die nach dem Sitzungsmarathon sichtbar
erschöpften Synodalen noch bis zur Februartagung gedulden.
Die eigentlich schon für diese Synode geplante juristische
Verankerung scheiterte doch noch in letzter Sekunde: allerdings
nicht etwa an mangelndem Einigungswillen, sondern schlicht
an fehlenden Kirchenparlamentariern: Zu einer Verfassungsänderung
waren fünf Synodale zu wenig im Rendsburger Christophorushaus.
Für Elisabeth Lingner dennoch kein Beinbruch: Die bislang
noch fehlende rechtliche Sicherheit sei zwar bedauerlich,
sie sollte jedoch nicht zu hoch bewertet werden, sagte
die Synodenpräsidentin. Entscheidend ist vielmehr,
dass nach einer intensiv geführten Diskussion eine Wegweisung
gelungen ist, nach der wir als Kirche leben wollen.
von Carsten Splitt

THEMENSYNODE II
Nordelbien will das von Christen an Juden begangene Unrecht
aufarbeiten
"Hohes Maß an Schuld"
Rendsburg Was
im Nazi-Regime geschehen ist, war auch eine Konsequenz aus
kirchlichem Handeln und Unterlassen. Wir empfinden ein hohes
Maß an Scham und Schuld! Elisabeth Lingner, Präsidentin
der Nordelbischen Synode, findet klare Worte angesichts der
Ausstellung Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945,
die sie vorige Woche eröffnete.
Noch heute scheint es unerklärlich, wie sich Kirche
derartig in Schuld verstricken konnte. Warum haben sich viele
freudig in den Dienst der Sache gestellt?
Eine vollständige Antwort darauf kann und soll auch
die Präsentation in der Rendsburger Christkirche nicht
geben, der ersten Station dieser Wanderausstellung. Anerkennenswert
ist aber das Bemühen, das Handeln während der NS-Zeit
aufzuarbeiten. Mehrere Jahre hat der Historiker Dr. Stephan
Linck (37) im Auftrag der Nordelbischen Kirche geforscht,
um Täter und Opfer namentlich zu machen. Eindrucksvoll
per Lichtbild, gesprochenem Text und einer gedruckten Biografie
bekommen diese Namen in der Ausstellung plötzlich Gesichter.
Sie werden greifbar und ihr Tun dadurch noch unfassbarer.
Der Betrachter braucht Zeit und Geduld, um diese Wirkung
zu spüren. Für das gestalterische Konzept sind Studierende
der Muthesius Hochschule in Kiel verantwortlich. Inhaltlich
hat Dr. Linck eng mit Frau Dr. Göhres vom Nordelbischen
Kirchenarchiv zusammen gearbeitet.
Der Historiker in seiner Bilanz nach mehrjähriger Forschung:
Es herrschte ein starker Antisemitismus in der Kirche;
auch im heutigen Nordelbien.
Elisabeth Lingner maß der Ausstellung eine besondere
Bedeutung bei angesichts aktueller dramatischer Ereignisse.
Sie falle in eine Zeit, in der uns erneut erschreckend
deutlich gemacht wurde, in welcher Weise Ideologien des Hasses
und der Gewalt eskalieren können. Keine Religion
der Welt rechtfertige solches Handeln.
Gewaltausbrüche dieser Art hätten immer eine lange
Vorgeschichte. Es sei Auftrag des Christentums, gegen diese
Mechanismen das Gebot des Friedens, der Versöhnung und
der gegenseitigen Akzeptanz zu setzen. Diesen Auftrag hätten
die christlichen Kirchen in den Jahren der Judenverfolgung
nicht erfüllt.
von Peter H. Burghold

THEMENSYNODE III
Die Terroranschläge in den USA überschatteten
auch die Tagung der Synodalen
Bestürzt, nicht gelähmt
Rendsburg Die angespannte
Weltlage nach dem verheerenden Terroranschlag auf die USA
hat auch die Tagung der Nordelbischen Synode überschattet.
Zu präsent waren bei den in Rendsburg versammelten rund
100 Synodalen noch die Bilder aus New York und Washington,
als dass sie ohne weiteres zur Tagungsordnung übergehen
konnten. Wie sollte ein christliches Gremium angesichts dieser
Situation gravierende Fragen diskutieren, die bis tief in
das eigene Selbstvertändnis reichen, lautete der unausgesprochene
Zweifel vieler Kirchenparlamentarier. Erstmals musste die
Synode unter verstärktem Polizeischutz tagen.
Man möchte lieber die Fäuste ballen, als
die Hände zum Gebet falten, hieß es in einem
Grußwort der Gemeinschaft der Freikirchen. Doch die
nordelbischen Synodalen und ihre Gäste resignierten nicht.
Stattdessen nahmen sie die besondere Situation zum Anlass,
um deutlich zu machen, dass Weltfriede nur durch Gemeinschaft
der Religionen möglich ist. Wir haben miterleben
müssen, wozu Predigten von Hass und Rache befähigen
können, sagte Synodenpräsidentin Elisabeth Lingner
in ihrer Eröffnungsrede. Keine der Religionen rufe dazu
auf, Verbrechen an Menschen oder Völkern anderen Glaubens
zu begehen. Der Weltfriede hänge von der Förderung
der Friedensfähigkeit der Religionen ab.
Vor diesem Hintergrund wurde die politische Weltlage in der
Diskussion um das Verhältnis von Juden und Christen keinesfalls
ausgeblendet. Die Synodalen mussten vielmehr - etwa in der
Debatte um das Zerrbild vom alttestamentlichen Rachegott -
zwangsläufig Bezug nehmen auf die aktuellen Ereignisse.
Die Forderung, den christlich-jüdischen Dialog zu einem
Trialog unter Einschluss des Islams zu erweitern, gelangte
angesichts der derzeitigen Entwicklungen zu einer eindringlichen
Mahnung: Die Synode bekennt sich zum Dialog mit den
Muslimen, auch aus der Erkenntnis heraus, dass wir den Dialog
mit den Juden nicht rechtzeitig geführt haben,
bekräftigte Lingner.
Am Ende des Sitzungsmarathons verabschiedete die Synode eine
Stellungnahme, die zu Besonnenheit und Gewaltverzicht aufruft:
Wir bitten die Bundesregierung dringend, ihren ganzen
Einfluss geltend zu machen, dass der Gewalt gegenüber
Unschuldigen nicht mit neuer Gewalt begegnet wird, der wiederum
Unschuldige zum Opfer fallen, lautet der eindringliche Appell
der Synodalen. Krieg sei keine Lösung für das Terrorismusproblem.
von Carsten Splitt

Ausstellung zur Synode
Rendsburg Pünktlich
zur Themensynode wird in der Neuwerker Christkirche eine Ausstellung
eröffnet, die Einblicke in die NS-Vergangenheit der Kirche
in Hamburg und Schleswig-Holstein geben soll. Zur Vorbereitung
auf die Synode hatte die Nordelbische Kirche den Kieler Historiker
Dr. Stephan Linck mit einem Forschungsprojekt zur systematischen
Erfassung entsprechender Quellen beauftragt. Die Ergebnisse
seiner dreijährigen Arbeit werden in der Wanderausstellung
Kirche, Christen, Juden zu sehen sein. In der
Rendsburger Christkirche vom 21. September bis 21. Oktober
(mo.-fr. 10-12 und 15-17 Uhr, sa. 10-12 Uhr).
Hintergründe zur Synode
Weiterführende Beiträge zum Thema Christen
und Juden finden Sie in dieser Ausgabe der Nordelbischen
Kirchenzeitung auf Seite 2 (Christentum wurzelt
im Judentum) und Seite 5 (Glaubwürdig
mit den Juden reden). Im Internet unter www.nordelbische.de
finden Sie ein Dokumentation bisheriger Beiträge.
|